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Wie lebt es sich in einer Welt ohne Buchstaben?

Die Organisation LitCam GmbH, die 2006 von der Frankfurter Buchmesse gegründet wurde, bietet Analphabeten dieses Jahr ein Forum auf der Messe. In Deutschland gibt es über vier Millionen erwachsene Bundesbürger, die nur über geringe Lese- und Schreibkenntnisse verfügen. Sie gelten als funktionale Analphabeten. Über die gesamte Buchmesse hinweg informiert LitCam in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Alphabetisierung und dem Institut für Lebenslanges Lernen der Unesco über die Situation dieser Menschen, regt zum Gespräch an, wirbt für Verständnis und Unterstützung. Die Veranstaltungen finden im Foyer der Halle 4.0 statt.

Am 06.10.2010 fragten Tatjana Kast und Andreas Brinkmann drei erwachsene funktionale Analphabeten, wie es sich in einer Welt ohne Buchstaben lebt. Die Abhängigkeit von Dritten und auch die Anfälligkeit der Betroffenen für Betrugsversuche wurde thematisiert. So erinnerte sich der Moderator Andreas Brinkmann an eine Begebenheit, als ihn eine wildfremde Frau in einer Bank ansprach und ihn um Hilfe bei der Geldabholung am Automaten bat. Aber die Probleme offenbaren sich bereits im privaten Leben: Den Kindern können Geschichten nicht vorgelesen, Formulare nicht ausgefüllt oder überprüft werden … und auch, eine Reise allein zu unternehmen, gestaltet sich als kaum zu bewältigende Herausforderung. Aus unterschiedlichen Gründen – Jobwechsel, Familie, finanzielle Notwendigkeit – entschlossen sich die drei anwesenden Betroffenen, als Erwachsene noch Lesen und Schreiben zu lernen. Mit den Enkeln wird heute die Hexe Lilli entdeckt oder aber daheim regelmäßig die Tageszeitung gelesen. Ein Betroffener führte freimütig aus, dass er sich immer wieder neu einlesen müsse, wenn er nicht regelmäßig die Schriftsprache nutzt. Ohne wiederkehrende Übung würde er die erarbeiteten Fähigkeiten wohl wieder verlernen. Ganz deutlich wird an dieser Stelle, wie wichtig die Unterstützung der Familie und Vertrauenspersonen für die Betroffenen ist.

Natürlich wurde die Frage gestellt, warum die Betroffenen als Kind die Schriftsprache nicht richtig erlernten. In dem darauffolgenden Gespräch, an dem auch eine Grundschulpädagogin teilnahm, kristallisierte sich heraus, dass diese Frage nicht nur durch mangelnde Förderung seitens der Lehrer beantwortet werden kann. Vielmehr hat auch der Austausch zwischen Pädagogen und Eltern Einfluss auf die Lernwilligkeit der Kinder. In diesem Zusammenhang wurde die Sprachförderung im Kindergarten sowie in der Grundschule angesprochen, aber auch das Finanzierungsproblem. Letzteres betrifft ebenso die Analphabetenkurse für Erwachsene, von deren Förderung sich die Agentur für Arbeit als Bundesbehörde offenbar mehr und mehr zurückzieht, mit der Begründung, dass Bildung Ländersache ist …