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Kai Meyer und Andreas Fröhlich mit „Arkadien brennt“ im Lesezelt

Am Freitag stellte Kai Meyer den zweiten Band seiner „Arkadien“-Reihe im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse vor. Unterstützung erhielt er dabei von dem Sprecher Andreas Fröhlich, der die Hörbuchversion von „Arkadien brennt“ eingelesen hat. Nach einer kurzen Vorstellung der Vorgänge im ersten Teil „Arkadien erwacht“ und der Hauptfiguren, Rosa Alcantara und Alessandro Carnevare, geht Kai Meyer auf die Handlung des aktuellen Bandes ein.

Rosa und Alessandro sind nach den Ereignissen in „Arkadien brennt“ mit gerade mal 18 Jahren die Oberhäupter ihrer jeweiligen Mafia-Familien. Während Alessandro sich jahrelang auf diese Verantwortung vorbereitet hatte, hat Rosa keine Ahnung vom Geschäft – und mit jedem Tag ist sie frustrierter, weil sie eigentlich nichts mit den kriminellen Machenschaften ihrer Organisation zu tun haben will. Außerdem muss sie immer noch das Versprechen einlösen, das sie ihrer sterbenden Schwester Zoe gegeben hatte, und wieder zurück nach New York reisen, um mehr über eine eventuelle Verbindung ihres Vaters zu der geheimnisvollen Organisation „Tabula“ herauszufinden.

So begann Kai Meyer die Lesung mit einer amüsanten Passage, in der sich Rosa und Alessandro am Flughafen verabschieden, wobei die beiden nicht wenige Probleme haben, ihre gestaltwandlerischen Fähigkeiten bei all dem Abschiedsschmerz im Zaum zu halten. Nach einer kurzen Überleitung führte Andreas Fröhlich die Lesung mit einer Szene in New York fort. Nach ihrer Ankunft in New York war Rosa auf den amerikanischen Zweig von Alessandros Clan gestoßen und wird nun in der von dem Profi gelesenen Passage von einem ganzen Rudel Raubkatzen durch den nächtlichen Central Park gejagt. Die gewählten Textstellen boten dem Publikum einen schönen Einblick in die in „Arkadien brennt“ zu erwartenden Geschehnisse. Rosas Charakter und die Herausforderungen, denen sie sich in New York stellen muss, versprechen eine unterhaltsame und spannende Geschichte – ein Eindruck, der durch Andreas Fröhlichs gelungen Vortrag nur bestärkt wird.

Gegen Ende der Lesung tauschten sich der Autor und der Sprecher noch über ihre jeweiligen Arbeitsweisen aus. So erzählte Kai Meyer, dass er jeden Roman vor dem eigentlichen Schreiben komplett durchkonzipiert und für dieses Exposé (inklusive Recherche) ebensoviel Zeit aufwendet wie für das eigentliche Ausformulieren der Geschichte. Auch war es für ihn nicht ganz einfach, eine Liebesgeschichte wie die von Rosa und Alessandro zu schreiben, da die beiden in den ersten beiden Bänden doch recht wenig Zeit miteinander verbringen. Das allerdings wird sich im Abschlussband ändern, denn den hat der Autor (wie er bei dieser Gelegenheit verriet) eher wie ein „Road Movie“ konzipiert – und so werden die beiden Hauptfiguren sehr viel zusammen unterwegs sein und einiges miteinander erleben.

Auf eine Frage von Andreas Fröhlich meinte Kai Meyer noch, dass er sich von allen möglichen Medien inspirieren lässt und es genießt, zum Beispiel Filme zu analysieren, um herauszufinden, was ihn daran so fasziniert hat. Und er gab auch zu, dass er bei jedem seiner Bücher im Nachhinein Stellen findet, die er noch überarbeiten würde, wenn er könnte – und so nimmt er sich auch die Freiheit heraus, einen Text für eine Lesung so zu verändern, dass er sich gut lesen lässt. Im Gegenzug lässt sich Kai Meyer noch eine Frage von Andreas Fröhlich beantworten, und so erfährt das Publikum, dass professionelle Hörspielstudios fremdsprachige Begriffe von Muttersprachlern einsprechen lassen. Der Sprecher bekommt diese Tonbeispiele bei der Lesung über Kopfhörer eingespielt und spricht dann das fremde Wort nach. Letztendlich hat diese Lesung dem – vorwiegend jungen und weiblichen – Publikum nicht nur große Lust auf den zweiten „Arkadien“-Band gemacht, sondern ihm auch einen kleinen, interessanten Einblick in die Arbeit von Autor und Hörbuchsprecher gewährt.

Ingrid Noll mit „Ehrenwort“ im Lesezelt

Im August dieses Jahres erschien Ingrid Nolls fünfzehnter Roman „Ehrenwort“, aus dem die Autorin am Freitag im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse las. Nach einer kurzen Einleitung, bei der Ingrid Noll ein wenig darüber erzählte, wie sie überhaupt zum Schreiben gekommen war, wie es war, ihren 75. Geburtstag zu feiern, und dass sie Geschichten über die Dinge schreibt, die innerhalb einer Familie gern unter den Teppich gekehrt werden, begann die Autorin mit der Lesung.

Dabei fing Ingrid Noll mit dem Anfang von „Ehrenwort“ an und zog das Publikum, welches aus Zuhörern jeder Altersklasse bestand, schnell in ihren Bann. Schon nach wenigen Sätzen hatte man eine Vorstellung von Max, der sich regelmäßig um seinen 90jährigen Großvater Willy kümmert, da ihm dies nicht nur von seiner Mutter aufgetragen wurden, sondern auch regelmäßiges Taschengeld verspricht. Bald hatte man das Gefühl, Willy und seine – inzwischen verstorbene – Frau Ilse zu kennen, stellte fest, dass Willys Sohn Harald so gar nicht mit seinem Vater zurechtkommt und dass Willys Schwiegertochter pflichtbewusst genug ist, um sich Gedanken um den alten Herrn und seine Versorgung zu machen. Nicht nur der trockene Humor, der schon zu Beginn von „Ehrenwort“ durchschimmert und für einige Lacher sorgte, sondern auch die Lebhaftigkeit und die Begeisterung, mit der die Autorin ihren eigenen Text vortrug, zog das Publikum mit.

Der Roman handelt von einer ganz normalen Familie, die nach einem Sturz des Großvaters beschließt, diesen bei sich aufzunehmen. Dabei will eigentlich niemand den alten Mann im Haus haben, aber da er nicht mehr lange zu leben hat, wäre es fast noch umständlicher, wenn man Willy zwischenzeitlich in einem Altersheim unterbringen müsste. Doch aufgrund der guten Pflege durch den Enkel Max erholt sich der Großvater entgegen der Prognose des Arztes – und so sucht sein Sohn Harald einen direkteren Weg, um den lästigen Vater loszuwerden.

Dabei beruht „Ehrenwort“ auf sehr persönlichen Erfahrungen von Ingrid Noll, die ihre eigene Mutter sechzehn Jahre lang bei sich wohnen und bis zu ihrem Tod gepflegt hat. Bei dieser Information fügte die Autorin aber schnell noch hinzu, dass die Figur des Willy Knobel als Gegencharakter zu ihrer eigenen Mutter zu sehen sei, die eine Dame der alten Schule war. Aber durch die Pflege ihrer Mutter konnte Ingrid Noll bei der Beschreibung der Veränderungen, die der Einzug von Willy und die regelmäßige Präsenz von Pflegepersonal seiner Familie bringt, aus eigener Erfahrung schöpfen.

Gewiss ging nach diesem amüsanten Einblick in die Geschichte kaum einer der Zuschauer aus dem Lesezelt, ohne den Vorsatz zu fassen, demnächst einen gründlichen Blick in „Ehrenwort“ zu werfen. Gerade die Alltäglichkeit der Geschichte lässt einen die genaue – und etwas boshaft gefärbte – Beobachtungsgabe der Autorin genießen.