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Fahr Sindram: Mangaka

Etwas Pech hatte Fahr Sindram schon, da die Vorveranstaltung überzogen hatte und „ihre“ halbe Stunde auf dem Schwarzen Sofa am Samstag so noch kürzer wurde.

Dennoch war es seltsam, zuzuschauen, wie ihr Verleger (butter & cream) in einer Art Speedinterview die Mangaka Fahr Sindram befragte. Auch wirkte es befremdlich, wie sich die Künstlerin und ihr Verleger häufiger das Wort abschnitten. Man bekam beinahe den Eindruck vermittelt, als ob die beiden eine schwierige Arbeitsbeziehung hätten.

Ein Blick auf Fahr Sindrams Arbeit konnte das Publikum trotzdem werfen. 😉

Ihr Manga „Losing Neverland“ beschäftige sich mit Kinderpornographie, die auch in Manga auftauche und kaum Widerspruch errege. Dagegen wollte und will sie mit diesem Manga vorgehen, in dem ein Junge gezwungen wird, auf den Strich zu gehen. Der Manga sei als Reihe konzipiert, im Winter 2010 sei gerade der dritte Band erschienen. „Im Kopf“ habe sie Material für weitere drei Bände, allerdings fehle ihr angesichts weiterer Projekte momentan die Zeit.

Zusammen mit Walther Hans habe sie das Geschenkbuch „Pouka & Spooks“„Lord Skeffington Scatters“, geschrieben über die ungewöhnliche Liebe eines Skeletts zu einem Teddybären. Eine andere Kinderbuchreihe in Zusammenarbeit mit Walther Hans drehe sich um einem Zombie, der mit 15 eigenwilligen Katzen zusammelebt.

Und dann sei da noch ihr aktueller Manga „cave canem“ (eine Seite im mangareader:klick) Ein verrückter Professor nimmt in Sibirien Experimente mit dem Wolfsjungen Jiri vor. Jiri kann entkommen  und trifft dabei auf das Mädchen Toriana, die er offenbar als firschen Proviant auf zwei Beinen ansieht, während sie froh ist, einen Freund gefunden zu haben.

aus „cave canem“ von Fahr Sindram

aus „cave canem“ von Fahr Sindram

Teil 2 von „cave canem“ Reihe erscheint im März 2011.

Zwar lief die halbe Stunde recht ruppig ab, dass die Mangaka Fahr Sindram mit Leidenschaft arbeitet, war aber nicht zu übersehen.  Die vorgestellten Kinderbücher wirken liebenvoll gestaltet und ihre Manga interessant.

Schatzsuche: Hörspiel-Klassiker und Lizenzen

Warum sind Hörspiel-Klassiker wie die Reihen um „Professor van Dusen“, „Offenbarung“, „Schubiduu ..uh“ so lange nicht auf dem Audiomarkt verfügbar gewesen bzw. sind es nicht vollständig und werden diese und andere Reihen fortgesetzt? Diese und andere Punkte besprach – untermalt von Einspielungen einiger Hörspielklassiker – am Samstag in der Messehalle 3 diese illustre Runde :

von links nach rechts: Rainer Clute (Regisseur, Deutschlandradio), Harald Dzubilla alias Peter Riesenburg (Autor von z.B. „Schubiduu… uh“, „Detektiv Kolumbus & Sohn“), Michael Koser (Autor, z.B. „Professor von Dusen“), Jan Gaspard (Autor z.B. „Offenbarung 23“, Produzent), Sebastian Probot (Highscoremusic) und der Moderator Olaf von der Heyer (Rezensent)

Das Label Highscoremusic unter der Leitung von Sebastian Probot hat es in den letzten Jahren geschafft, einige Hörspiel-Klassiker wie „Detektiv Kolumbus & Sohn“ , „Schubiduu ..uu“ oder die erste Staffel von „Professor van Dusen“ wieder auf den Markt zu bringen.

„Anlass“ war vor Jahren, wie Sebastian Probot erzählte, die Frage einer guten Freundin, ob er nicht das Hörspiel „Als die Autos rückwärts fuhren“ besorgen könne. Er habe bei ebay geschaut – und wollte nicht Hunderte von Euro für eine Schallplatte ausgeben. Daraufhin habe er dann einfach mal beim Sender angerufen und gefragt, ob er die Rechte haben könne. Vermutlich sei es nur seinem Hintergrund als Musikproduzent zu verdanken, dass man ihn überhaupt ernst genommen hätte. Er musste erfahren, dass beim Hörspiel mehrere Rechte zu berücksichtigen sind: die des Autors, der Sprecher, der Musiker, Internet-Veröffentlichung etc. Als die Hörspiele in den 70er produziert worden seien, hätten einige Radiosender – so auch RIAS – kaum Lizenzverträge im heutigen Sinne geschlossen und falls doch, wären z.B. Vervielfältigung durch Internet nicht Bestandteil gewesen. Allerdings: Als er erst einmal angefangen hatte, wollte er die Sache auch zu Ende bringen. Wie gut für die Hörspiel-Fans, dass Sebastian Probot diese Einstellung hatte, denn die CD „Als die Auto rückwärts fuhren“ ist wieder im Handel 🙂

Auch bei der „Professor-van-Dusen-Reihe“ habe es erhebliche Probleme bei der Klärung der Rechte gegeben, nicht nur weil Sprecher verstorben seien. Die schwierige Situation habe wohl auch die früheren Versuche, die Reihe wieder aufzulegen, scheitern lassen. Erst Stefan Probots Beharrlichkeit – so Rainer Clute und auch Michael Koser- sei es zu verdanken, dass die erste Staffel der Professor-van-Dusen-Reihe wieder im Handel sei. Stefan Probot gab das Kompliment aber auch zurück und meinte, nur durch die Mithilfe von Rainer Clute und Michael Koser sei er weitergekommen, denn der Sender selbst habe sich hier nicht sehr kooperativ gezeigt. Rainer Clute stimmte zu und nutzte die Gelegenheit, eine Entschuldigung gegenüber Sebastian Probot wegen der Schwierigkeiten und der offenbar zu hohen Lizenzgebühren bei der Musik auszusprechen. Glücklicherweise wurde Stefan Probots Engagement durch diese Abläufe nicht gedämpft. So habe es Sebastion Probot geschafft, wie Michael Koser sagt, die Rechte für die zweite Staffel der Professor-van-Dusen-Reihe zu erwerben: Es werde weitere vier Folgen geben und wer weiß, vielleicht sind irgendwann wieder alle 77 Folgen auf dem Markt. 😉

Erheblich weniger Probleme habe man dagegen beim Erwerb der Rechte zu „Schubiduu …uh“ und „Detektiv Kolumbus & Sohn“ gehabt. Die Lizenzfrage sei hier leicht zu klären gewesen, da Harald Dzubilla der alleinige Ansprechpartner gewesen sei. Dies habe sich auch auf den Markpreis der Hörspiele ausgewirkt, die sich sehr gut verkaufen würden. Viele Fans, die als Kinder diese Reihen gehört hätten, würden sie jetzt für ihren Nachwuchs kaufen.

„Offenbarung 23“ sei dagegen wieder ein anderes Thema. Selbst der Autor Jan Gaspard meinte, wenn die Lizenzfrage zu „Professor van Dusen“ ein Alptraum sei, dann wäre die Rechteklärung zu „Offenbarung 23“ wohl die Hölle. Sebastian Probot nickte. 😉 Dennoch „sei man dran“ und hoffe weiterhin, dass man nächstes Jahr auch „Offenbarung 23“ wieder auf den Markt bringen könne. Das Hörspiel hatte damals für Aufsehen gesorgt, konnte aber von ihm – Jan Gaspard – nicht vollendet werden. Die Reihe sei auch nie als reines Hörspiel konzipiert gewesen: Vielmehr sollten Spiele, Film, Bücher, die nur zusammen mit dem Hörspiel funktionierten, das Universum von „Offenbarung 23“ erweitern. Natürlich hoffte man auch, über die zusätzlichen Medien auch das Interesse weiterer Käufer für das Hörspiel zu erregen.

Die Runde gab Jan Gaspard recht, dass der Hörspielmarkt noch immer jung ist. Selbst Hörspielklassiker, die man aus dem Radio kenne – so Harald Dzubilla – seinen schwer „an den Verlag“ zu bringen, da aus Verlagssicht sie ja „niemand kenne“. Wie denn auch, so Harald Dzubilla leicht frustriert, wenn sie vorher nicht auf dem Markt, sondern nur im Radio, bekannt waren.

Jedenfalls kann die Transmedialität von Hörspielen für den noch immer jungen Hörspielmarkt ein interessantes Marketinginstrument darstellen. Daneben machen dem  Hörspielmarkt – und den kleinen Labels – natürlich die illegalen Downloads und Tauschbörsen zu schaffen. Auch der Wiederverkauf bei Ebay durch Private, an denen die Rechteinhaber nicht partizipieren, wurde genannt.

Das Gespräch wurde auch weiterhin offen geführt:

Man dürfe aber nicht verkenne, so Sebastian Probod, dass durch illegale Downloads das Produkt verbreitet und auch das Label bekannt gemacht werde. Dies würde aber natürlich nicht bedeuten, dass er illegale Downloads gutheiße! Jan Gaspard stimmte zu: Zu Höchstzeiten seien auf 1 verkaufte CD „Offenbarung 23“ gut 200 illegale Downloads gekommen, was sowohl stolz mache, andererseits aber natürlich schädigend ist.

Harald Dzubilla rief engagiert in Erinnerung, dass man durch den illegale Download nicht nur das Label schädige, sondern alle, die an der Produktion mitgearbeitet haben incl. der Rechteinhaber. Ohne zusätzliche Jobs könne man von Hörspielen sowieso den Lebensunterhalt regelmäßig nicht bestreiten – und durch den Diebstahl geistigen Eigentums – nichts anderes seien illegale Downloads – würde hier noch mehr finanzieller Schaden angerichtet.

Rainer Clute hielt sich, angesprochen auf die weiteren Pläne, etwas bedeckt. Zwar sei er mit einer skandinavischen Sache beschäftigt, wolle aber erst abwarten, bis alles „in trockenen Tüchern“ ist. Harald Dzibulla arbeite u.a. an einer Wiederveröffentlichun von „Knall & Fall – Privatdetektive“ , er schreibe aber auch neue Sachen. Michael Koser erklärte, dass er für die Hörspielreihe um Professor van Dusen nicht mehr schreibe; es gäbe aber 6 Comicbücher (diese seien auch als App bei Itunes für das IPad etc. zu bekommen). Derzeit schreibe er an Kinderbüchern für seine Enkel. 😉 Jan Gaspard ist gleich mit mehreren Projekten beschäftigt: nexworld.TV, dann einer Dokumentation, einem historischen Roman und natürlich zusammen mit Sebastian Probot mit der Klärung der Rechtefragen zu „Offenbarung 23“. Außerdem seien er und Sebastian Probot mit der Entwicklung einer neuen Hörspiel-Serie beschäftigt, die in den Achtzigern spielen soll und hoffentlich das damalige Lebensgefühl durch Sound aufgreifen werde.

Und Sebastian Probot ist weiterhin mit der Schatzsuche nach „vergessenen“ Hörspielklassikern beschäftigt. Olaf van der Heydt empfahl, immer wieder mal bei Highscoremusic vorbeizuschauen. Auch er werde immer wieder überrascht, mit welchen neuen Dingen Sebastion Probot dort aufwarte 🙂

Workshop-Feeling: Wie entsteht ein Manga?

Wie ist das eigentlich, wenn man einen Manga schreiben will. Und nicht nur schreiben, sondern auch zeichnen. Unter der Moderation von Matthias Wieland berichteten die Autorin Anne Delseit und die Zeichnerin Martina Peters, deren gemeinsame Manga-Reihe „Lilientod“ bei Carlsen erscheint, am Freitag von ihrer Arbeit.

Die beiden Künstlerinnen, die mit diesem und weiteren Workshops regelmäßig unterwegs sind, führten professionell  mit Folien, Leinwandprojektion und Laserpointer durch die Präsentation.

Am Beginn stehe natürlich die Ideenfindung, egal ob man einen Manga oder einen Comic oder etwas anderes schreiben wolle. Anne Delseit empfahl aus eigener Erfahrung, wirklich jede Idee zu notieren und zu sammeln. Schließlich wäre es ja schade, wenn man sie vergessen würde. Aus der Idee wäre dann das Konzept zu entwickelt und zu recherchieren. Hierin stecke ein Großteil der schriftstellerischen Arbeit und Planung, da man im Konzept den Handlungsverlauf, die Charaktere und deren Entwicklung kreiere und niederlege. Auch welche Klischees man mit welchen Figuren in welchem Ausmaß man nutzen oder brechen wolle – gerade in Bezug auf Plotwendungen – fließe in das Konzept ein.

Wenn man den Manga einem Verlag anbietet – oder eine Auftragsarbeit abliefern soll -, müsse man dieses Konzept allerdings auf ein Exposé von wenigen Sätzen reduzieren. Außerdem ist es hilfreich, in einigen Sätzen Informationen zu den Charakterhintergründen zu skizzieren. Diese seien zwar im Kopf des Autors, der ja wissen, weshalb ein Charakter motiviert ist, etwas zu tun, aber diese Informationen erscheinen in Ausführlichkeit im Exposé und der Verlagsmitarbeiter könne ja nicht in den Autorenkopf schauen 😉

Stehe das Konzept, schreibe man die einzelnen Szenen. Wie ausführlich diese in Bezug auf die zeichnerische Umsetzung sind, müsse man sehen. Dies hänge vom Autor ab, zeichnet er selbst, kennt er den Zeichner oder hat dieser Vorlieben etc. Im Grunde könne man aber sagen, dass der Autor ein Drehbuch schreibe, ggf. mit Regieanweisungen und Charaktervorgaben.

Die Präsentation wurde dann von Martina Peters fortgesetzt, da sich jetzt die zeichnerische Arbeit anschließe. Wenn sie den Autorentext habe, erstelle sich zuerst gleichfalls eine Art zeichnerisches Konzept. In schnellen Skizzen, denn es ist ein erster grober Entwurf, werde zunächst das Seitenlayout entworfen: Wie sind die Panels anzuordnen, wie soll der Leser durch die Seite geführt werden, wo sind Kontrastfarben zu setzen und wo steht der Text? Aus Erfahrung empfehle sie, bereits jetzt in den Panels Platz für Sprechblasen zu reservieren. So müsse man später bei der Einzelbildgestaltung nicht wieder zum Seitenaufbau zurück, weil man auf einmal keinen Platz für den Text habe 😉

Diese Layout-Phase sei für den Zeichner mit am intensivsten und langwierigsten. Sie habe für sich festgestellt, dass für sie das kapitelweise Vorgehen gut funktioniere. Die Arbei sei so überschaubar und es könnten gut Pausen zwischen den Kapiteln eingelegt werden.

Erst im Anschluss würden detaillierte Einzelzeichnungen folgen.

Szene aus "Lilientod", Zeichnung Anne Delseit - Platzhalteraus „Lilientod“, Zeichnung Martina Peters

hier: Platzhalter für Text, Schwarzzeichnungen

Anhand von projezierten Einzelszenen führte Martina Peters aus, wie nach und nach die Doppelseiten gestaltet würden: Platzhalter für Sprechblasen und Kontraste in ausführlichen Zeichnungen, das Einfügen der Texte, Hintergründe und weitere grafische Gestaltung (Schatten, Rasterung etc.).

aus „Lilientod“, Zeichnung von Martina Peters, Text Anne Delseit

hier: Sprechblasen, Textumfang, Größe

Zwischendurch würde immer wieder die Abstimmung mit der Autor erfolgen. Als Zeichner mache man sich den Text zu eigen, setze ihn um, stimme dann seine Vorstellung mit dem Autor ab – und erst dann mit dem Redakteur.

aus „Lilientod“, Zeichnung von Martina Peters

hier: Platzhalter Sprechblasen, Hintergründe

Was die handwerkliche Arbeit anginge: Manche Zeichner bevorzugen Fineliner, andere Tusche für die Zeichnungen. Tusche habe sicherlich den Vorteil, dass während des Zeichnens durch Druckveränderung die Bilder in einem Schritt lebendiger werden. Andere bevorzugen einen gleichmäßigen Finelinerstrich, allerdings sei der Fineliner auch regelmäßig nicht lichtecht.

Sind die Skizzen im Rechner für die weitere Bearbeitung, sollte man nachfolgend auch die Vorteile des Blaudrucks nutzen. So könne man in blau die Zeichnungen „dünn“ ausdrucken, diese tuschen und dann – zwecks Versand an Autor oder Verlag – einscannen, ohne die Blauskizze radieren zu müssen. Denn beim Scannen des dann getuschten Bildes wird dieser Blaudruck vom Scanner nicht erfasst.

Natürlich konnte ein richtiger Workshop in der knappen Stunde nicht abgehalten werden. Viele Einzelfragen, wie zum Beispiel Storyentwicklung oder Fragen zur Rasterung,, Material- und PC-Programm-Nutzung, Graphictablets etc. sind im Detail außen vor geblieben.

Aber man erhielt einen interessanten Überblick über die Entstehung eines Manga und die beiden Künstlerinnen waren erkennbar mit Freude dabei. Und wer mehr ins Detail gehen will, kann ja ausführlichere Workshops, zum Beispiel von Anne Delseit und Martina Peters, besuchen …

Alex Capus neuer Roman: „Léon und Louise“

Das 3sat-Forum war wieder gut besucht, als Alex Capus am Sonntag seinen neuen Roman „Léon und Louise“, erschienen im Hanser Verlag, präsentierte. Ein wenig Probleme gab es zu Beginn der Veranstaltung mit der Technik: Als weiter hinten stehender Besucher verstand man von dem einführenden Gespräch leider nur Passagen.

Der in Frankreich geborene und jetzt in der Schweiz lebende Autor beginnt sein neues Buch mit der Beerdigung des alten Léon und geht dann zurück, um dessen Geschichte zu erzählen. Léon sei lose an seinen eigenen Großvater angelehnt, wie Alex Capus anmerkte. Vermutlich ist damit die Charakterzeichnung gemeint und nicht die Geschichte von Alex Capus Großvater – was wegen der Technikprobleme eine Annahme bleibt 😉

Jedenfalls treffen Léon und Louise aufeinander, verlieben sich, werden aber durch den 1. Weltkrieg getrennt. Ihre Lebenswege laufen vollständig auseinander, Léon heiratet – und dann treffen sie sich in Paris wieder. Dabei wollte er – Capus – keine typische dramatische ménage à troi beschreiben, die es im französischen Film immer wieder gäbe. Ihm sei es um ein Miteinander der drei Personen gegangen, auch wenn der Titel nur auf die Liebesgeschichte von Léon und Louise schließen lasse.

Alex Capus lieferte auch zwei Kostproben aus seinem Roman. In der ersten Szene sucht der junge Léon Arbeit.  In der zweiten wird geschildert, wie ein  Lehrer nach seiner Pensionierung seinen Selbstmord durchführt. Dabei zeichneten sich beide Szenen, so ernsthaft ihre Thematik auch ist, durch einen leichten Ton aus. So besorgt der Lehrer den Sarg, stellt ihn in sein Wohnzimmer, bettet sich nach der Einnahme von Barbituraten selbst hinein, hat das Begräbnis bereits gezahlt und legt wortwörtlich etwas Schockgeld für die Haushälterin hin, die ihn am Morgen finden wird.

Die durch diese Textauswahl vermittelte Mischung aus erzählendem – aber nicht kühl und distanziert wirkenden – Bericht, Lebensnähe, Skurillität, Humor und Tragik machte Lust, sich sofort in das Buch „Leon und Louise“ zu vertiefen …

Auf dem Blauen Sofa: die Autorin Margriet de Moor

Beate Westphal begrüßte die Niederländerin Margriet de Moor am Freitagmorgen auf dem Blauen Sofa des ZDF. Die Autorin von zum Beispiel „Die Kreutzersonate“ und „Der Virtouse“ spinnt die Geschichte ihres neuen Romans um ein reales Ereignis im Amsterdam des 17. Jahrhunderts: Ein unbekannter Maler zeichnet zwei Miniaturbilder des toten Mädchens Elsje. Der Roman erzählt die Geschichte dieses Mädchens und in diesem Zusammenhang auch von Malerei und Kunst.

Dorothea Westphal fragte, warum die Autorin den Maler nicht beim Namen nennt. Durch die Verwurzelung in der Realität, die beschriebenen Miniaturbilder und das Gemälde, an dem der Maler gerade arbeite, habe man auf Rembrandt geschlossen – was Margriet de Moor bestätigte. Sie habe aber bewusst den Namen nicht genannt, weil Rembrandt damals zur Zeit der Ereignisse „ein“ Maler von Vielen gewesen sei und nicht „der“ Maler, den wir heute in ihm sehen. Für sie stehe er damit symbolisch für alle Maler, ihre Konzentration auf ihr Schaffen, ihr Handwerk. So sprechen die Stadtbewohner von nichts anderem als dem Mord, den die junge Elsje verübt habe, während der Maler an Farben, Pinsel und seinen Auftrag denke.

Als Dorothea Westphal den Roman „Der Maler und das Mädchen“ als Buch über die Kunst bezeichnete, stimmte die Autorin nur bedingt zu. Zwar schildere sie auch das Handwerk, vorrangig wollte sie aber die Geschichte von Elsje erzählen.

Hier habe sie als Schriftstellerin das Glück gehabt, dass zwar der Prozess und die Figur real sind, jedoch die Begleitumstände, Elsjes Herkunft und ihre Motivation nicht bekannt sind. Sie konnte so ihre Geschichte „entdecken“. Außerdem wollte sie den Gegensatz und das letztliche das Zusammentreffen dieser zwei titelgebenden Personen thematisieren: die junge, am Anfang stehende Elsje mit ihren Hoffnungen und den alternden Maler, dessen Frau vor kurzem an der Pest verstorben war. Warum führten die Lebenswege dieser beiden Menschen letztlich zu einem „Treffen“?

„Der Maler war auf dem Weg, ein totes Mädchen nach dem Leben zu zeichnen“ (sinngemäßes Zitat aus dem Roman).

Es ist faszinierend, welche Vielschichtigkeit dieser eine Satz aufweist. „Nach dem Leben“ zu malen bedeutete damals ja „real“ zu zeichnen – während man aus dieser Formulierung auch lesen kann: die Verstorbene oder den Tod. Auch impliziere der Satz ja, dass das tote Mädchen durch die Zeichnung letztlich lebendig bleibt.

Frau Westphal und Frau de Moor plauderten noch weiter über den neuen Roman und seine Hintergründe. Und so interessant dies auch war – leider wurde so dem Publikum Grietjes Geschichte und der Grund, warum sie zur Mörderin wurde gleich mit offenbart. Auch warum der Maler sich entscheidet, das Mädchen zu malen blieb nicht außen vor.

So verließ man die Veranstaltung leider viel zu gut informiert und fragte sich, ob man „Der Maler und das Mädchen“ zumindest wegen der Details der Geschichte und der Sprachvirtousität der Autorin lesen möchte.

Lesung auf der Fantasy-Insel: Bernhard Hennen

Bernhard Hennen, der seine Fans regelmäßig mit Lesungen aus seinen Büchern erfreut, kann man schon als Stammgast auf der Leipziger Buchmesse bezeichnen. Dieses Mal gab es einen kleinen Vorgeschmack auf seinen erst im Herbst dieses Jahres erscheinenden Auftaktband der „Drachenelfen“-Trilogie. Dieser Roman – und die folgenden beiden Bände – führe in die Anfangszeit der Albenmark und liege also nicht in dem durch „Die Elfen“ gesteckten „Rahmen“.

Den Fans ist bekannt, dass Bernhard Hennen lieber mit dem Publikum plaudert, anstatt eine halbe Stunde vorzulesen. So auch dieses Mal: Geduldig beantwortete er regelmäßig wiederkehrende Fragen wie zum Beispiel, ob Nuramons Geschichte fortgesetzt würde. Zur Information: Nein. Nuramon ist ein langlebiger, nicht mehr in die Albenmark zurück könnender sowie nach menschlichen Maßstäben hervorragender Schwertkämpfer. Er ist sozusagen ritterhaft und würde im Gegensatz zu seiner menschlichen Gefährtin nicht altern. Eine Fortsetzung seiner Geschichte würde, wie Bernhard Hennen augenzwinkernd klarstellte, Ähnlichkeit mit einem Film über einen gewissen schottischen Schwertkämpfer aufweisen …

Unterhaltsam schilderte der sympathische Autor dann, wie es zur Entstehung seines Romans „Die Elfen“ gekommen sei:

Nach dem Erfolg der „Herr der Ringe“-Filme und den nachfolgenden Romanen „Die Orks“ und „Die Zwerge“ sei ihm „aufgefallen, dass die Elfen fehlten. 😉 Mit seinem ersten Exposé sei der Heyne Verlag allerdings nicht einverstanden gewesen, wohl aber mit dem zweiten. Allerdings hatte sich der Verlag mit dem „o.k.“ etwas Zeit gelassen. Er habe an einem Roman gearbeitet, die Verlagszusage kam kurz vor Weihnachten. Der Veröffentlichungstermin sollte der darauffolgende Herbst sein, was eine Abgabe im Sommer bedeutete. Der Umfang des Buches sollte natürlich in etwa denjenigen der Romane „Die Orks“ und „Die Zwerge“ entsprechen, also so ca. 800 Seiten. Dies alles trug dazu bei, dass er bei seinem Bekannten James A. Sullivan anrief und wegen einer Zusammenarbeit nachfragte. Letzterer sei wahnsinnig begeistert über den Zeitpunkt der Anfrage gewesen, gab Bernhard Hennen schmunzelnd an. James A. Sullivan, der diesem Zeitpunkt mitten in seinen Magisterprüfungen gesteckt habe, sagte zu – und drohte Bernhard Hennen an, ihm die Schuld zu geben, falls es Ärger mit seinen Eltern gäbe oder aber er sogar druch die Prüfungen fallen würde. Was auch immer die Eltern sagten: die Magisterprüfungen hat James A. Sullivan jedenfalls geschafft, wie Herr Hennen anmerkte.

In der lockeren Atmosphäre ging die vorgesehene halbe Stunde schnell vorbei. Wie gut, dass die Fans Gelegenheit hatten, mit Bernhard Hennen am Signiertisch noch ein paar Worte zu wechseln.

Auf dem Blauen Sofa: Volker Weidermann zum 100. Geburtstag von Max Frisch

Auf dem Blauen Sofa war am Freitag unter anderem Volker Weidermann, einer der beiden Feuilletonleiter der FAZ, zu Gast. Der Literaturkritiker hat die Biographie „Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher“ verfasst, welche bei Kiepenheuer & Wietsch erschienen ist.

Sein Gespräch mit Wolfgang Herles drehte sich selbstverständlich um Max Frisch als Person, aber auch um die Recherchearbeit. Abgesehen von Materialsichtungen im Keller des Max-Frisch-Archives schilderte Volker Weidermann nicht ohne Stolz, dass er quasi die weibliche Romanfigur aus „Montauk“ getroffen habe. Sie seien nach Montauk gefahren und hätten dort über Frisch gesprochen.

Herr Weidermann vermittelte den Eindruck, dass es die Arbeit an der Biographie für ihn sowohl spannend als auch ernüchternd war. Max Frisch war nicht nur Autor, Architekt und politisch engagiert, sondern wohl ein schwieriger Partner – sowohl in beruflichen als auch privaten Beziehungen. So verarbeitete er zum Beispiel literarisch seine beendeten Beziehungen, was besonders seine Exfrau Ingeborg Bachmann sehr verletzte. Der Satz „Er konnte ein Ekel sein“ fiel in dem Gespräch.

Die ungebrochene Faszination, die Max Frisch und seine Werke auf Volker Weidermann ausüben, war nicht zu übersehen:

Er sprach davon, dass Max Frisch nur über selbst Erfahrenes schrieb und dass seine Texte – nach dem Architekturstudium – durch Reduktion Eleganz erhielten. Max Frisch „schreibt aus Angst, allein zu sein“ und suche durch seine Texte das Gespräch mit dem Leser. Er habe nicht nur viel gelesen, sondern auch anderen Autoren zugehört und von ihnen – hier wurde Berthold Brecht angeführt – gelernt. Max Frisch habe seine Einstellungen immer wieder geprüft, hinterfragt und sei Veränderungen gegenüber offen gewesen.

Das Buch „Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher“ wurde sicherlich von Volker Weidermann mit Leidenschaft geschrieben.

SR-Kinder- und Jugendbuchliste Frühjahr 2011

Schon seit Jahren ist der Saarländische Rundfunk auf der Leipziger Buchmesse präsent und stellt die Kinder- und Jugendbücher der jeweiligen Frühjahrsliste vor. So auch dieses Jahr.

Wie die Moderatorin Barbara Renno vom SR2 Kulturradio anmerkte, habe der Sender seiner Kinder- und Jugendbuchliste Frühjahr 2011 ein neues Layout verpasst. Es würden nun nicht mehr nur die Titel genannt, sondern auch die Cover abgebildet. Dies mache den Zugang für noch nicht lesekundige Kinder einfacher.

Auch in diesem Jahr war es so, dass diverse Titel von Schülern des Evangelischen Schulzentrums Leipzig gelesen und bewertet wurden. In der Veranstaltung am Freitag stellten nun jeweils zwei Schüler einen Titel vor und im Anschluss führte Frau Renno noch ein kurzes Gespräch mit dem Autor, dem Illustrator oder dem Hörbuchsprecher, die ebenfalls eingeladen waren.

Die Schüler haben ihre Aufgabe sehr ernstgenommen: Die Titel wurden kurz inhaltlich vorgestellt, aber zuviel wurde nicht verraten. Teilweise sorgten die Kommentare für Schmunzeln und Lachen, einfach weil die Aussagen so trocken und cool herüberkamen, zum Beispiel als ein Schüler bei dem vorgestellten Text-/Bilderbuch „Die Möwe und das Meer von Farben“ anmerkte: Das wäre auch was für die Jüngeren, so ab 2 Jahren. Das Gedicht von Anja Tuckermann über die blauliebende Möwe ist wirklich wunderschön von Daniela Chudzinski illustriert worden (klick).

Berührend waren die Vorstellungen der Bücher „Nirgendwo in Berlin“ von Beate Teresa Hanika und „Krieg – stell Dir vor, er wäre hier“ von Janne Teller. Das erstgenannte Buch thematisiert die Internetgefahr für Kinder und Jugendliche. Es geht um das vermisste Mädchen Pauline, wobei ihr Verschwinden offenbar mit einem Chatroom zu tun hat. Die Protagonistin Greta entschließt sich, das Mädchen zu suchen. Die Autorin merkte in dem Gespräch an, dass sie sich recherchehalber auch als fiktive 15jährige in einem Chatroom angemeldet habe und bereits in dieser ersten Sitzung von jemanden angechattet wurde, der offenbar viel älter als 15 war.

In Janne Tellers Essay „Krieg – Stell Dir vor er wäre hier“ geht es um das Gedankenspiel, dass die Europäische Union zerbrochen sei und in Deutschland und den europäischen Ländern Krieg herrsche. Der Text richtet sich direkt an den Leser, spricht ihn – wie die vorstellenden Schüler sagten – mit „Du“ an und kommt daher so nahe. Du bist der- bzw. diejenige, die mit den Eltern in die arabische Welt fliehen muss und dort im Lager die Entscheidung über den Asylantrag abwarten muss etc. Eine Schülerin sagte: „Man lernt eigentlich nicht wirklich etwas, aber man denkt nach“. Janne Teller, die auf die Bühne kam, freute sich über die Wertschätzung ihrer Titel in Deutschland sichtlich.

Ein wenig seltsam war schon, ein farbenfrohes Bilderbuch des Fantasy, Science-Fiction und Horrorautor Markus Heitz zu sehen. „Das Angstmacherchen“ sei entstanden, nachdem seine kleine Tochter das erst Angsterlebnis hatte. Um ihr und anderen Kinder zu erklären, was es mit der Angst auf sich hat und was man dagegen tun könne, habe er die kurze Geschichte geschrieben. Die notwendige Kürze des Textes sei auch die größte Herausforderung gewesen, gab Markus Heitz zu.

Insgesamt wurden 8 der 12 Titel der Kinder- und Jugendbuchliste vorgestellt.

Die Veranstaltung war gut besucht. Es waren nicht nur Kinder und Jugendliche da, sondern auch Erwachsene. Und es war spürbar, dass das Publikum interessiert war, nicht nur wegen der bekannten Namen wie Janne Teller oder Markus Heitz, sondern auch wegen der von den Schülern vorgestellten Titel.  Die gesamte SR-Kinder- und Jugendbuchliste Frühling 2011 ist übrigens hier (klick) abrufbar.

Lesung mit Joachim Król: „Taxi 79 ab Station“

Es gibt Menschen, denen schaut und hört man einfach gerne zu. Diese Menschen können selbst in schlechteren Produktionen nicht übersehen oder überhört werden und verwandeln auch die kleinste Rolle in etwas Besonderes. Sie können dem Inhalt des langweiligsten Romans Reiz verleihen und einem faszinierendem Buch noch mehr Beachtung. Einer dieser Menschen ist Joachim Król.

Am gestrigen Donnerstag präsentierte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Berlin-Brandenburg e.V., der Transit Buchverlag und Sagenhaftes Island e.V. im Berliner Zimmer auf dem Buchmessegelände den  Roman „Taxi 79 ab Station“ des Isländers Indridi G. Thorsteinsson. Die deutsche Übersetzung stammt von Betty Wahl.

Nach einleitenden Worten des Verlagsleiters und Autors Halldór Gudmundsson von Transitverlag und einer weiteren Einführung von Thomas Böhm (Sagenhaftes Island) las der bekannte Schauspieler Joachim Król eine Szene aus „Taxi 79 ab Station“: Der Taxifahrer Ragnar (Taxi 79) spielt gerade mit einem Kollegen Schach, als er über die Zentrale einen Auftrag von zwei US-Soldaten erhält. Er soll ihren betrunkenen Kameraden von Reykjavik zurück zum Luftwaffenstützpunkt in Keflavik fahren. Sollte der Betrunkene aufwachen, möge Ragnar auch von ihm das Taxigeld kassieren und den beiden Soldaten deren Betrag erstatten. Tatsächlich wacht der US-Soldat auch kurz vor Keflavik auf und bezahlt anstandslos. Ragnar macht sich auf den Rückweg und sieht eine auffällig elegante Frau vor ihrem liegengebliebenen Buick stehen. Ragnar stoppt und macht die Bekanntschaft von Gogo.

Beinah etwas schleppend mit unterstützender Gestik und Mimik las Joachim Król Ragnars Bericht, was aber sehr gut zu der Stimmung passte: Einen Betrunkenen durch die Nacht zu fahren ist einsam – und kann unschön enden. Obwohl das Radio läuft und sich der Fahrgast später rauchend nach vorn zu Ragnar setzt, bleibt die Romanszene ruhig. Man hört beinahe das von Thorsteinsson beschriebene Klopfen des Motors und erahnt das durch die Nacht fahrende Taxi.

Der in den 50er Jahren spielende Roman ist in Island bereits ein Klassiker. In einem kleinen Buch von nicht mal 150 Seiten habe der Autor, so Thomas Böhm, die Wandlung der Werte in Island des 20. Jahrhunderts eingefangen. Thomas Böhm nennt Indridi G. Thorsteinsson einen isländischen Hemingway.

In der Lesung wird deutlich, wie visuell Thorsteinsson beschreibt. Der Text weist, wie auch Joachim Król erklärte, eine hohe Informationsdichte auf, ohne überladen zu sein. Und ja, die gelesene Szene wirkt nicht überfrachtet – ob dies aber am Autor oder am Vortragenden liegt, muss jeder Leser selbst entscheiden. Eine Hörbuchversion mit Joachim Król gibt es derzeit nicht; eine Leseprobe ist hier (klick) zu finden.