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Fahr Sindram: Mangaka

Etwas Pech hatte Fahr Sindram schon, da die Vorveranstaltung überzogen hatte und „ihre“ halbe Stunde auf dem Schwarzen Sofa am Samstag so noch kürzer wurde.

Dennoch war es seltsam, zuzuschauen, wie ihr Verleger (butter & cream) in einer Art Speedinterview die Mangaka Fahr Sindram befragte. Auch wirkte es befremdlich, wie sich die Künstlerin und ihr Verleger häufiger das Wort abschnitten. Man bekam beinahe den Eindruck vermittelt, als ob die beiden eine schwierige Arbeitsbeziehung hätten.

Ein Blick auf Fahr Sindrams Arbeit konnte das Publikum trotzdem werfen. 😉

Ihr Manga „Losing Neverland“ beschäftige sich mit Kinderpornographie, die auch in Manga auftauche und kaum Widerspruch errege. Dagegen wollte und will sie mit diesem Manga vorgehen, in dem ein Junge gezwungen wird, auf den Strich zu gehen. Der Manga sei als Reihe konzipiert, im Winter 2010 sei gerade der dritte Band erschienen. „Im Kopf“ habe sie Material für weitere drei Bände, allerdings fehle ihr angesichts weiterer Projekte momentan die Zeit.

Zusammen mit Walther Hans habe sie das Geschenkbuch „Pouka & Spooks“„Lord Skeffington Scatters“, geschrieben über die ungewöhnliche Liebe eines Skeletts zu einem Teddybären. Eine andere Kinderbuchreihe in Zusammenarbeit mit Walther Hans drehe sich um einem Zombie, der mit 15 eigenwilligen Katzen zusammelebt.

Und dann sei da noch ihr aktueller Manga „cave canem“ (eine Seite im mangareader:klick) Ein verrückter Professor nimmt in Sibirien Experimente mit dem Wolfsjungen Jiri vor. Jiri kann entkommen  und trifft dabei auf das Mädchen Toriana, die er offenbar als firschen Proviant auf zwei Beinen ansieht, während sie froh ist, einen Freund gefunden zu haben.

aus „cave canem“ von Fahr Sindram

aus „cave canem“ von Fahr Sindram

Teil 2 von „cave canem“ Reihe erscheint im März 2011.

Zwar lief die halbe Stunde recht ruppig ab, dass die Mangaka Fahr Sindram mit Leidenschaft arbeitet, war aber nicht zu übersehen.  Die vorgestellten Kinderbücher wirken liebenvoll gestaltet und ihre Manga interessant.

SR-Kinder- und Jugendbuchliste Frühjahr 2011

Schon seit Jahren ist der Saarländische Rundfunk auf der Leipziger Buchmesse präsent und stellt die Kinder- und Jugendbücher der jeweiligen Frühjahrsliste vor. So auch dieses Jahr.

Wie die Moderatorin Barbara Renno vom SR2 Kulturradio anmerkte, habe der Sender seiner Kinder- und Jugendbuchliste Frühjahr 2011 ein neues Layout verpasst. Es würden nun nicht mehr nur die Titel genannt, sondern auch die Cover abgebildet. Dies mache den Zugang für noch nicht lesekundige Kinder einfacher.

Auch in diesem Jahr war es so, dass diverse Titel von Schülern des Evangelischen Schulzentrums Leipzig gelesen und bewertet wurden. In der Veranstaltung am Freitag stellten nun jeweils zwei Schüler einen Titel vor und im Anschluss führte Frau Renno noch ein kurzes Gespräch mit dem Autor, dem Illustrator oder dem Hörbuchsprecher, die ebenfalls eingeladen waren.

Die Schüler haben ihre Aufgabe sehr ernstgenommen: Die Titel wurden kurz inhaltlich vorgestellt, aber zuviel wurde nicht verraten. Teilweise sorgten die Kommentare für Schmunzeln und Lachen, einfach weil die Aussagen so trocken und cool herüberkamen, zum Beispiel als ein Schüler bei dem vorgestellten Text-/Bilderbuch „Die Möwe und das Meer von Farben“ anmerkte: Das wäre auch was für die Jüngeren, so ab 2 Jahren. Das Gedicht von Anja Tuckermann über die blauliebende Möwe ist wirklich wunderschön von Daniela Chudzinski illustriert worden (klick).

Berührend waren die Vorstellungen der Bücher „Nirgendwo in Berlin“ von Beate Teresa Hanika und „Krieg – stell Dir vor, er wäre hier“ von Janne Teller. Das erstgenannte Buch thematisiert die Internetgefahr für Kinder und Jugendliche. Es geht um das vermisste Mädchen Pauline, wobei ihr Verschwinden offenbar mit einem Chatroom zu tun hat. Die Protagonistin Greta entschließt sich, das Mädchen zu suchen. Die Autorin merkte in dem Gespräch an, dass sie sich recherchehalber auch als fiktive 15jährige in einem Chatroom angemeldet habe und bereits in dieser ersten Sitzung von jemanden angechattet wurde, der offenbar viel älter als 15 war.

In Janne Tellers Essay „Krieg – Stell Dir vor er wäre hier“ geht es um das Gedankenspiel, dass die Europäische Union zerbrochen sei und in Deutschland und den europäischen Ländern Krieg herrsche. Der Text richtet sich direkt an den Leser, spricht ihn – wie die vorstellenden Schüler sagten – mit „Du“ an und kommt daher so nahe. Du bist der- bzw. diejenige, die mit den Eltern in die arabische Welt fliehen muss und dort im Lager die Entscheidung über den Asylantrag abwarten muss etc. Eine Schülerin sagte: „Man lernt eigentlich nicht wirklich etwas, aber man denkt nach“. Janne Teller, die auf die Bühne kam, freute sich über die Wertschätzung ihrer Titel in Deutschland sichtlich.

Ein wenig seltsam war schon, ein farbenfrohes Bilderbuch des Fantasy, Science-Fiction und Horrorautor Markus Heitz zu sehen. „Das Angstmacherchen“ sei entstanden, nachdem seine kleine Tochter das erst Angsterlebnis hatte. Um ihr und anderen Kinder zu erklären, was es mit der Angst auf sich hat und was man dagegen tun könne, habe er die kurze Geschichte geschrieben. Die notwendige Kürze des Textes sei auch die größte Herausforderung gewesen, gab Markus Heitz zu.

Insgesamt wurden 8 der 12 Titel der Kinder- und Jugendbuchliste vorgestellt.

Die Veranstaltung war gut besucht. Es waren nicht nur Kinder und Jugendliche da, sondern auch Erwachsene. Und es war spürbar, dass das Publikum interessiert war, nicht nur wegen der bekannten Namen wie Janne Teller oder Markus Heitz, sondern auch wegen der von den Schülern vorgestellten Titel.  Die gesamte SR-Kinder- und Jugendbuchliste Frühling 2011 ist übrigens hier (klick) abrufbar.

Das Märchen von der Welt

Am Donnerstag gab es auf der Buchmesse eine Podiumsdiskussion mit dem Autor Jürg Amann und der Illustratorin Käthi Bhend. Diese drehte sich um das Bilderbuch „Das Märchen von der Welt“, bei dem die Illustratorin versuchte, mit ihren Bildern bewusst gegen den sehr düsteren Text des Autors zu arbeiten.

Die Geschichte „Das Märchen von der Welt“ basiert auf einem Textfragment aus Georg Büchners „Woyzeck“, welches von Jürg Amann neu umgesetzt wurde. Bei Büchners „Woyzeck“ gibt es eine Szene, in der eine Großmutter ein sehr düsteres Märchen von einem einsamen Kind erzählt, welches die Erde verlässt und im Himmel auf einen Mond aus faulendem Holz und andere tote Planeten trifft. Jürg Amann, der schon während seines Germanistikstudiums enttäuscht davon war, dass alle Märchen immer glücklich enden und nie erwähnt wird, was mit den scheiternden Geschwistern der Märchenhelden geschieht, war von dieser untypischen Variante fasziniert.

Für die Anthologie „Oder die Entdeckung der Welt“, die 1997 von dem Verleger Hans-Joachim Gelberg herausgegeben wurde, hatte Jürg Amann den Originaltext von Georg Büchner als Basis für eine kurze Geschichte genommen. Doch den Vorschlag des Autors, dies auch noch als Ausgangspunkt für ein Kinderbuch zu nutzen, lehnte der Verleger ab, da die Handlung für sich allein zu düster für ein solches Buch sei. Erst die Idee, ein Bilderbuch daraus zu machen, bei dem die Illustrationen dem Text seinen Schwermut nehmen sollten, führte letztendlich zur Realisierung des Projekts. So stand von vornherein fest, dass die Illustratorin Käthi Bhend mit ihren Bildern gegen den Text von Jürg Amann arbeiten musste.

Georg Büchners Text wurde von Jürg Amann umformuliert und erweitert. Stand im Original von Büchner zum Beispiel, dass das Kind bei seiner Reise zum Mond nur ein Stück verfaultes Holz vorfand, bietet Jürg Amann dem Leser nun zwei weitere Alternativen, um spielerischer mit den düsteren Aussage des Textes umzugehen und die Perspektive des Betrachters zu verändern. Diese Variationen nutzt die Künstlerin, um die Aussage des Märchens abzumildern. Ebenso sorgt sie in ihren Bildern mit kleinen Details, die dem Text regelrecht widersprechen, dafür, dass der Geschichte über das von allen verlassene Kind ein wenig die beängstigende Wirkung genommen wird.

So haben die von Jürg Amann beschriebenen „toten Planeten“ auf den Darstellungen von Käthi Bhend Gesichter mit geschlossenen Augen und wirken so beinah, als ob sie schlafen würden. Auch sieht man auf jeder einzelnen Seite eine Schnur, die das Kind mit der Erde verbindet und als Rettungsleine in der verlorenen Welt dient. Ganz zum Schluss wird – allein durch das letzte Bild – die Interpretation nahegelegt, dass diese traurige Geschichte womöglich nicht mehr ist als ein Traum, den das Kind gewiss vergessen wird, sobald seine Eltern es trösten.

Die Wechselwirkung zwischen Geschichte und Text – und vor allem diese bewusste Gegensätzlichkeit zwischen diesen beiden Aspekten des Bilderbuchs – machen „Das Märchen von der Welt“ zu einem (zumindest für Erwachsene) reizvollen und interessanten Werk. Auch wurde bei der Diskussion mit Jürg Amann und Käthi Bhend deutlich, wie spannend für den Autor und die Illustratorin diese ungewöhnliche Arbeitsweise war, bei der die beiden quasi konträre Ziele verfolgten.

Auf die Frage, warum es Jürg Amann so wichtig war, dass diese bedrückende Geschichte überhaupt veröffentlicht wurde, betonte der Autor, dass es ihm darauf ankam, dass Kinder auch mit der dunklen Seite der Realität konfrontiert werden. Er habe selbst die Erfahrung gemacht, dass eine vorsichtige Konfrontation mit den Schattenseiten des Lebens ein Kind eher stärken, statt ihm Angst vor dem Tod oder ähnlichem einzujagen. Er ist sich sicher, dass die Vermeidung solcher Themen auf die Vorstellung der Erwachsenen, was einem Kind zuzumuten sei, zurückzuführen ist und nicht darauf, dass Kinder mit solchen Wahrheiten nicht umgehen können.

Beim Betrachten dieses Titels stellt sich allerdings die Frage, wie sehr ein solches Bilderbuch Kinder überhaupt reizen würde. Die Illustrationen von Käthi Bhend sind sehr großflächig, wirken aber auf den ersten Blick nicht besonders kindgerecht. Und um die vielen liebevollen Details wahrzunehmen, muss man sich schon aufmerksam mit den einzelnen Darstellungen beschäftigen. So liegt die Vermutung nahe, dass „Das Märchen von der Welt“ von Kindern erst durch die Ermutigung von Erwachsenen beachtet wird. Dies ist auch sinnvoll, da sie angesichts der doch recht abstrakten Texte und Illustrationen vermutlich Erläuterungen benötigen werden.

Ausländische Kinderliteratur in der Türkei

Herr Necdet Neydim von der Universität Istanbul sowie Frau Müren Beykan und Frau Bahar Siber, die zwei verschiedene türkischen Verlage repräsentierten, gewährten einen kleinen Einblick in die Arbeit türkischer Verlage in Bezug auf ausländische Kinder- und Jugendliteratur.

Geschichtlich gesehen hatte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts in der Türkei ein Bedarf an Kinderliteratur entwickelt, der unter anderem durch Übersetzung aus dem Französischen (Jules Verne), dem Englischen (Jonathan Swift) und dem Deutschen (Erich Kästner, Michael Ende) gedeckt wurde. Mit der Zeit veränderten sich die Ansprüche an die Kinderliteratur: Nach hauptsächlich ideologischen Ausrichtung in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts rückte die Unterhaltung des Kindes in den Vordergrund. Heute wird von den Verlagen außerdem eine breitere Genreauswahl angeboten und die Bücher werden verstärkt nach Zielgruppen aufgelegt. Sensibel bleibt der Bereich, ob und wie ausländische Kinderliteratur in die türkische Kultur integriert werden kann.

In diesem Zusammenhang führte Frau Müren Beykan zum Beispiel an, dass der Originaltext in Richtung auf Inhalt und kindgerechte Form zu überprüfen ist und ob generell eine Übersetzbarkeit gegeben ist. Auch kulturell bedingte Unterschiede in der Alterseinstufung sind zu beachten, gerade in Bezug auf Pubertät und Sexualität. Ergänzend führte Frau Bahar Siber an, dass auch Geschichten, die stark an Lokalitäten oder Marken geknüpft sind, die türkischen kindlichen oder jugendlichen Leser überfordern könnten einfach aus dem Grunde, dass ihnen das entsprechende Vorwissen fehlt. Insofern sind die gesellschaftlichen und moralischen Werte und Grenzen der Türkei zu beachten.