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Das Märchen von der Welt

Am Donnerstag gab es auf der Buchmesse eine Podiumsdiskussion mit dem Autor Jürg Amann und der Illustratorin Käthi Bhend. Diese drehte sich um das Bilderbuch „Das Märchen von der Welt“, bei dem die Illustratorin versuchte, mit ihren Bildern bewusst gegen den sehr düsteren Text des Autors zu arbeiten.

Die Geschichte „Das Märchen von der Welt“ basiert auf einem Textfragment aus Georg Büchners „Woyzeck“, welches von Jürg Amann neu umgesetzt wurde. Bei Büchners „Woyzeck“ gibt es eine Szene, in der eine Großmutter ein sehr düsteres Märchen von einem einsamen Kind erzählt, welches die Erde verlässt und im Himmel auf einen Mond aus faulendem Holz und andere tote Planeten trifft. Jürg Amann, der schon während seines Germanistikstudiums enttäuscht davon war, dass alle Märchen immer glücklich enden und nie erwähnt wird, was mit den scheiternden Geschwistern der Märchenhelden geschieht, war von dieser untypischen Variante fasziniert.

Für die Anthologie „Oder die Entdeckung der Welt“, die 1997 von dem Verleger Hans-Joachim Gelberg herausgegeben wurde, hatte Jürg Amann den Originaltext von Georg Büchner als Basis für eine kurze Geschichte genommen. Doch den Vorschlag des Autors, dies auch noch als Ausgangspunkt für ein Kinderbuch zu nutzen, lehnte der Verleger ab, da die Handlung für sich allein zu düster für ein solches Buch sei. Erst die Idee, ein Bilderbuch daraus zu machen, bei dem die Illustrationen dem Text seinen Schwermut nehmen sollten, führte letztendlich zur Realisierung des Projekts. So stand von vornherein fest, dass die Illustratorin Käthi Bhend mit ihren Bildern gegen den Text von Jürg Amann arbeiten musste.

Georg Büchners Text wurde von Jürg Amann umformuliert und erweitert. Stand im Original von Büchner zum Beispiel, dass das Kind bei seiner Reise zum Mond nur ein Stück verfaultes Holz vorfand, bietet Jürg Amann dem Leser nun zwei weitere Alternativen, um spielerischer mit den düsteren Aussage des Textes umzugehen und die Perspektive des Betrachters zu verändern. Diese Variationen nutzt die Künstlerin, um die Aussage des Märchens abzumildern. Ebenso sorgt sie in ihren Bildern mit kleinen Details, die dem Text regelrecht widersprechen, dafür, dass der Geschichte über das von allen verlassene Kind ein wenig die beängstigende Wirkung genommen wird.

So haben die von Jürg Amann beschriebenen „toten Planeten“ auf den Darstellungen von Käthi Bhend Gesichter mit geschlossenen Augen und wirken so beinah, als ob sie schlafen würden. Auch sieht man auf jeder einzelnen Seite eine Schnur, die das Kind mit der Erde verbindet und als Rettungsleine in der verlorenen Welt dient. Ganz zum Schluss wird – allein durch das letzte Bild – die Interpretation nahegelegt, dass diese traurige Geschichte womöglich nicht mehr ist als ein Traum, den das Kind gewiss vergessen wird, sobald seine Eltern es trösten.

Die Wechselwirkung zwischen Geschichte und Text – und vor allem diese bewusste Gegensätzlichkeit zwischen diesen beiden Aspekten des Bilderbuchs – machen „Das Märchen von der Welt“ zu einem (zumindest für Erwachsene) reizvollen und interessanten Werk. Auch wurde bei der Diskussion mit Jürg Amann und Käthi Bhend deutlich, wie spannend für den Autor und die Illustratorin diese ungewöhnliche Arbeitsweise war, bei der die beiden quasi konträre Ziele verfolgten.

Auf die Frage, warum es Jürg Amann so wichtig war, dass diese bedrückende Geschichte überhaupt veröffentlicht wurde, betonte der Autor, dass es ihm darauf ankam, dass Kinder auch mit der dunklen Seite der Realität konfrontiert werden. Er habe selbst die Erfahrung gemacht, dass eine vorsichtige Konfrontation mit den Schattenseiten des Lebens ein Kind eher stärken, statt ihm Angst vor dem Tod oder ähnlichem einzujagen. Er ist sich sicher, dass die Vermeidung solcher Themen auf die Vorstellung der Erwachsenen, was einem Kind zuzumuten sei, zurückzuführen ist und nicht darauf, dass Kinder mit solchen Wahrheiten nicht umgehen können.

Beim Betrachten dieses Titels stellt sich allerdings die Frage, wie sehr ein solches Bilderbuch Kinder überhaupt reizen würde. Die Illustrationen von Käthi Bhend sind sehr großflächig, wirken aber auf den ersten Blick nicht besonders kindgerecht. Und um die vielen liebevollen Details wahrzunehmen, muss man sich schon aufmerksam mit den einzelnen Darstellungen beschäftigen. So liegt die Vermutung nahe, dass „Das Märchen von der Welt“ von Kindern erst durch die Ermutigung von Erwachsenen beachtet wird. Dies ist auch sinnvoll, da sie angesichts der doch recht abstrakten Texte und Illustrationen vermutlich Erläuterungen benötigen werden.