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SR-Kinder- und Jugendbuchliste Frühjahr 2011

Schon seit Jahren ist der Saarländische Rundfunk auf der Leipziger Buchmesse präsent und stellt die Kinder- und Jugendbücher der jeweiligen Frühjahrsliste vor. So auch dieses Jahr.

Wie die Moderatorin Barbara Renno vom SR2 Kulturradio anmerkte, habe der Sender seiner Kinder- und Jugendbuchliste Frühjahr 2011 ein neues Layout verpasst. Es würden nun nicht mehr nur die Titel genannt, sondern auch die Cover abgebildet. Dies mache den Zugang für noch nicht lesekundige Kinder einfacher.

Auch in diesem Jahr war es so, dass diverse Titel von Schülern des Evangelischen Schulzentrums Leipzig gelesen und bewertet wurden. In der Veranstaltung am Freitag stellten nun jeweils zwei Schüler einen Titel vor und im Anschluss führte Frau Renno noch ein kurzes Gespräch mit dem Autor, dem Illustrator oder dem Hörbuchsprecher, die ebenfalls eingeladen waren.

Die Schüler haben ihre Aufgabe sehr ernstgenommen: Die Titel wurden kurz inhaltlich vorgestellt, aber zuviel wurde nicht verraten. Teilweise sorgten die Kommentare für Schmunzeln und Lachen, einfach weil die Aussagen so trocken und cool herüberkamen, zum Beispiel als ein Schüler bei dem vorgestellten Text-/Bilderbuch „Die Möwe und das Meer von Farben“ anmerkte: Das wäre auch was für die Jüngeren, so ab 2 Jahren. Das Gedicht von Anja Tuckermann über die blauliebende Möwe ist wirklich wunderschön von Daniela Chudzinski illustriert worden (klick).

Berührend waren die Vorstellungen der Bücher „Nirgendwo in Berlin“ von Beate Teresa Hanika und „Krieg – stell Dir vor, er wäre hier“ von Janne Teller. Das erstgenannte Buch thematisiert die Internetgefahr für Kinder und Jugendliche. Es geht um das vermisste Mädchen Pauline, wobei ihr Verschwinden offenbar mit einem Chatroom zu tun hat. Die Protagonistin Greta entschließt sich, das Mädchen zu suchen. Die Autorin merkte in dem Gespräch an, dass sie sich recherchehalber auch als fiktive 15jährige in einem Chatroom angemeldet habe und bereits in dieser ersten Sitzung von jemanden angechattet wurde, der offenbar viel älter als 15 war.

In Janne Tellers Essay „Krieg – Stell Dir vor er wäre hier“ geht es um das Gedankenspiel, dass die Europäische Union zerbrochen sei und in Deutschland und den europäischen Ländern Krieg herrsche. Der Text richtet sich direkt an den Leser, spricht ihn – wie die vorstellenden Schüler sagten – mit „Du“ an und kommt daher so nahe. Du bist der- bzw. diejenige, die mit den Eltern in die arabische Welt fliehen muss und dort im Lager die Entscheidung über den Asylantrag abwarten muss etc. Eine Schülerin sagte: „Man lernt eigentlich nicht wirklich etwas, aber man denkt nach“. Janne Teller, die auf die Bühne kam, freute sich über die Wertschätzung ihrer Titel in Deutschland sichtlich.

Ein wenig seltsam war schon, ein farbenfrohes Bilderbuch des Fantasy, Science-Fiction und Horrorautor Markus Heitz zu sehen. „Das Angstmacherchen“ sei entstanden, nachdem seine kleine Tochter das erst Angsterlebnis hatte. Um ihr und anderen Kinder zu erklären, was es mit der Angst auf sich hat und was man dagegen tun könne, habe er die kurze Geschichte geschrieben. Die notwendige Kürze des Textes sei auch die größte Herausforderung gewesen, gab Markus Heitz zu.

Insgesamt wurden 8 der 12 Titel der Kinder- und Jugendbuchliste vorgestellt.

Die Veranstaltung war gut besucht. Es waren nicht nur Kinder und Jugendliche da, sondern auch Erwachsene. Und es war spürbar, dass das Publikum interessiert war, nicht nur wegen der bekannten Namen wie Janne Teller oder Markus Heitz, sondern auch wegen der von den Schülern vorgestellten Titel.  Die gesamte SR-Kinder- und Jugendbuchliste Frühling 2011 ist übrigens hier (klick) abrufbar.

„Die Hassliste“ von und mit Jennifer Brown

Am Freitag war die amerikanische Autorin Jennifer Brown zu Gast auf der Buchmesse und stellte dort ihr aktuelles Buch „The Hate List“ vor, welches in Deutschland unter dem Titel „Die Hassliste“ bei dtv erschienen ist. Die Übersetzerin des Buches Beate Schäfer und die Schauspielerin Anna Carlsson, die den Roman in der Hörbuchfassung eingelesen hat, nahmen ebenfalls an der Veranstaltung teil.

In „Die Hassliste“ erzählt die 16jährige Valerie davon, wie ihr Freund Nick in der Schul-Cafeteria das Feuer auf seine Mitschüler eröffnet. Er tötet dabei sechs Menschen und verletzt zahllose andere. Valerie selbst wirft sich vor eine Schülerin und wird dabei schwer getroffen. Doch hinterher wird sie keinesfalls als Heldin betrachtet, sondern als Mittäterin. Gemeinsam mit Nick hatte sie die Hassliste geführt, auf der die Namen aller Opfer standen. Für Valerie war es ein Spiel gewesen, aber für Nick offenbar nicht.

Jennifer Brown las selbst – auf englisch und betont – einen Szene aus dem Buch. Die späteren Passagen wurden von Anna Carlsson, engagiert und kraftvoll auf deutsch vorgetragen. In der gut besuchten Veranstaltung konnte das Publikum einen hervorragenden Eindruck von der jugendlichen Sprache des Romans bekommen und zugleich eine Vorstellung, wie der Text in der Hörbuchfassung klingen wird. Zwischendurch gab es immer wieder Gespräche zwischen Jennifer Brown, Beate Schäfer und Anna Carlsson.

Während der Übersetzungsarbeit habe sie sich, so Beate Schäffer, z. B. gefragt, ob Jennifer Brown oder eine ihre nahestehende Person einen Amoklauf miterlebt habe. Die geschilderten Szenen und Emotionen seien ihr sehr nahe gegangen, was Anna Carlsson übrigens auch bestätigte.

Die Autorin verneinte insofern einen autobiografischen Bezug. Allerdings seien Amokläufe tragischerweise immer wieder Teil des schulischen Lebens. Sie habe hier auf der Leserreise auch in Schulen gelesen und es habe sie verwundert, dass z. B. die Schüler nicht so offen über Mobbing sprechen würden. In den Staaten habe sie bei Lesungen erlebt, dass die Schüler viel eher und freier über dieses Thema sprechen, was allerdings auch daran liegen könne, das man dort aktiv in die Klasse ginge und Gespräche führe. Sie sei fand es auch überraschend, wie viel einfacher der Zutritt zur Schule in Deutschland erfolge: Diese werden offenbar nach Beginn des Schulbetriebes nicht abgeschlossen, es gäbe keine Metalldetektoren oder man würde auch nicht aufgefordert, die Tasche abzugeben.

Als Mutter müsse sie mit dieser Realität leben und die hiermit verbundenen Ängste seien in den Roman eingeflossen. Ein guter Teil von ihr selbst stecke allerdings in Valerie, da sie ihre eigenen Mobbing-Erlebnisse und Erfahrungen verarbeitet habe. Jennifer Brown stellte auch klar, dass sie wie viele andere keine endgültige Erklärung dafür liefern könne, weshalb ein Mensch zum Amokläufer werde. Auch in ihrem Roman werde dieser Punkt bewusst nicht erklärt. Man könne aus ihrer Sicht die Schuld nicht nur auf die Nutzung gewalttätiger Spiele schieben oder den Drogenkonsum oder darauf, dass Menschen gemobbt werden und sich so gerade bei Schülern ein emotionaler Druck, verstärkt durch Hormone in der Pubertät, aufbaue. Das Zusammenspiel und die Gewichtung der verschiedenen sozialen Komponenten würden Wirkung auf die jeweilige Persönlichkeit entfalte; nicht jedes „Opfer“ würde zum „Täter“.

Angesichts der tragische Aktualität auch in Deutschland klingt beim Publikum nach, ob nicht auch hier – wie in den Staaten – die Gespräche über Mobbing und das psychologische Angebot direkt in die Klasse und in den regulären Unterricht getragen werden sollten, um Schüler und Lehrkräfte nicht nur für dieses Thema weiter zu sensibilisieren, sondern auch die Gesprächsbereitschaft zu fördern.

Mehr Hardcore im Jugendbuch?

Am Donnerstag lud das Börsenblatt Jutta Bummel (Buchhändlerin), Ilona Einwohlt (Autorin), Klaus Willberg (Thienemann Verlag) und die zwei 14-jährigen Schüler Nikolai Albrecht und Darius Pfannkuch zum Gespräch ein. Im Café des Börsenblattes in Halle 4.0 der Messe tauschten sich die Gäste unter der Leitung von Stefan Hauck vom Börsenblatt darüber aus, ob die Jugendbuchautoren und auch die Verlage heute „alle Tabus“ brechen und Jugendliche zu früh mit allen Aspekten von Gewalt und Sexualität in Kontakt bringen würden.

Die Sprache in den Jugendbüchern sei heute in der Tat direkter und expliziter als noch vor Jahren, führte Frau Bummel aus, was dazu führen könne, dass sie als Buchhändlerin einen Roman nicht aktiv empfehle oder die Eltern auf einen eventuellen Gesprächsbedarf hinweise. Zum Beispiel sei „Überleben“ von S. A. Bodeen zwar spannend und gut geschrieben, allerdings aus ihrer Sicht auch brutal. Dies bestätigte auch einer der beiden Schüler, der das fragliche Buch gelesen hatte: Hart sei es gewesen, brutal und spannend. Frau Einwohlt und auch der Herr Willberg führten an, dass man die Jugendlichen nur dort abhole, „wo sie sich bereits befänden“. Aus Lektorensicht, so Herr Willberg, sei auch in der Jugendliteratur – natürlich altersspezifisch – alles erlaubt, solange nicht gegen geltendes Recht verstoßen oder pornografische bzw. fremdenfeindliche Szenen enthalten sind. Auch der jugendliche Leser wolle selbst über seine Lektüre entscheiden.

Es wurde klar, dass Jugendliche heute – vorausgesetzt, der Zugang ist nicht eingeschränkt – im Internet zu jedem Thema Informationen finden können. Heute hätten sie so nicht nur eine einfachere Möglichkeit, Wissen zu erwerben, sondern seien auch emotional früher erwachsen. Und teilweise überhole die Wirklichkeit die Fiktion, wie man an dem Buch von Bodeen sehen könne. Der Verlag habe das Buch bereits eingekauft, aber noch nicht veröffentlicht gehabt, als das Familiendrama um Josef Fritzl in Österreich bekannt wurde.

Das Gespräch kam auch auf die von Frau Einwohlt veröffentlichte Anthologie „Liebe, Lust, Sex“. Hier seien nicht pornografische, sondern erotische Geschichten von namhaften deutschen Jugendbuchautoren für Jugendliche versammelt, in denen es um die erste Liebe, den ersten Sex ginge. Der Moderator wandte sich hier erneut direkt an die Schüler. Einer der Jugendlichen hatte bereits Gelegenheit, in das Buch hineinzuschauen und meinte, er hätte nach der ersten Geschichte aufgehört und die Anthologie weggelegt, ihm seien die Szenen zu genau beschrieben. Beide Schüler betonten aber auch, dass sie selbst entscheiden wollten, was sie lesen, ob sie ein Buch beenden oder mehr vom Autor konsumieren. Es sei aber auch so, dass sie – solange es spannend ist – ein Buch auch bis zum Schluss lesen und nicht wegen der Gewalt weglegen würden. Hier fielen Sätze wie: „Ich denke schon, dass ich das vertragen kann“ oder „… damit man ein Gefühl für Gewalt entwickelt“. Genremäßig würde man alles lesen, Jugendbücher, Fantasy, Thriller, solange es nicht langweilig sei. Dies bestätigte auch die Buchhändlerin und ergänzte, dass Jugendliche selten länger als 30 Seiten warten würden, bis die Geschichte losginge. Jugendbücher müssten möglichst bereits auf den ersten 20, 30 Seiten einen Sog entwickeln.

Natürlich kam auch die Frage Altersempfehlung zur Sprache. Hier gäbe es starke Unsicherheiten bei der Kundschaft, führte Frau  Bummel aus, da kaum noch Altersempfehlungen auf den Covers oder im Buch zu finden seien. Kämen zum Beispiel Eltern oder Tanten in die Buchhandlung, um ein Buch für das Kind oder den Jugendlichen zu kaufen, bestünde erheblicher Beratungsbedarf. Häufig sei für diese Kunden nicht mehr erkennbar, und zwar auch nicht aus der Inhaltsangabe, ob das Buch geeignet ist oder nicht. Etwas anders sähe es aus, wenn der jugendliche Kunde selbst kaufe. Es käme durchaus vor, dass letzterer einen Titel für 12-jährige kaufen und lesen würde, ohne sich für diese (nicht erkennbare) Alterseinstufung zu schämen, allerdings ohne Altersempfehlung sei auch keine Orientierung in die andere Richtung möglich. Unumwunden gaben in diesem Zusammenhang die beiden 14-jährigen Schüler zu, dass sie ein Buch mit der Altersempfehlung „ab 16“ stark reizen würde, weil damit etwas Verbotenes verbunden sei.