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Von der Beschwerlichkeit des isländischen Postverkehrs

Auch Jón Kalman Stefánsson stellte auf der Lesebühne der Ehrengastpräsentation seinen neuen Roman „Der Schmerz der Engel“ (Piper Verlag) vor. Neben dem Autor nahm Karl-Ludwig Wetzig als langjähriger Übersetzer von Jón Kalman Stefánsson Romanen an der Runde teil, während Frau Betty Wahl dolmetschte. Auch ohne Übersetzung war für das Publikum spürbar, dass zwischen Karl-Ludwig Wetzig und Jón Kalman Stefánsson ein besonderes Verhältnis besteht. Dies ist offenkundig darauf zurückzuführen, dass sich Herr Wetzig intensiv mit dem Autor und dessen Bücher beschäftigt hat und weiterhin beschäftigt. So war es eigentlich kein Wunder, dass die beiden Herren immer wieder etwas vom Thema abkamen und über (isländische) Literatur und das Schreiben philosophierten. Dabei waren Übersetzer und Autor gelegentlich so im Gesprach vertieft, dass Betty Wahl ab und an unterbrechen musste, um gerade besprochener Passagen für das Publikum übersetzen zu können.

Nach einer kurzen Einleitung, in der Karl-Ludwig Wetzig auf die seiner Ansicht nach bestehenden Parallelen zwischen Kindheiterlebnissen des Autors und dessen Büchern hinwies, kam schnell die Frage nach den Lieblingsautoren des Schriftstellers auf und inwieweit diese sein Werk beeinflusst hätten. Hierbei handele es sich um eine Frage – so Jón Kalman Stefánsson -, die gar nicht so leicht zu beantworten sei: Entweder müsse man höflich lügen oder aber alle Autoren aufzählen, die einen beeinflusst haben, und das seien eindeutig zu viele. Immerhin würden ihm gerade spontan zwei Schriftsteller einfallen, nämlich Knut Hamsun und Enid Blyton.

Anfangs hatte Jón Kalman Stefánsson auch schon erwähnt, dass das Schreiben für ihn ein inneres Bedürfnis sei – vor allem benötige er es als Ausgleich für seinen Job bei einer Bank. Auf diesen Punkt ging Karl-Ludwig Wetzig noch einmal ein, als er fragte, warum der Autor sich mit seinen Büchern nicht mehr am Markt orientieren und so vielleicht auf einen Brotjob verzichten können würde. Doch Jón Kalman Stefánsson wies die Vorstellung, mit dem Strom zu schwimmen weit von sich. Wenn man Bücher schreiben wolle, die etwas aussagen und die Welt weiterbringen, dann gehe man nicht auf den Buchmarkt ein, sondern schreibe einfach.

Karl-Ludwig Wetzig betont daraufhin, dass dieses Konzept ja auch erfolgreich sei; zumindest habe Jón Kalman Stefánsson diverse Preise in Island, den skandinavischen und europäischen Ländern für seine Bücher bekommen. Ob dieser Erfolg im Ausland denn auch einen Einfluss auf sein Ansehen in Island hätte? Humorvoll erwidert Jón Kalman Stefánsson daraufhin, dass diese Anerkennung in Ausland nicht zu unterschätzen sei. Erstens könne er so viel reisen, zweitens wären da die Duty-Free-Einkäufe bei der Rückkehr nach Island und drittens wäre da das gute Gefühl, mehr Leser mit seinen Romanen erreichen zu können. Aber es wäre nicht so, dass er täglich an diesen Erfolg denken würde – er würde weiterhin einfach schreiben. Immerhin sei ihm aber durch seine Veröffentlichungen im Ausland bewusster geworden, welche Wichtigkeit den Übersetzern zukomme.

Erst durch die Vorbereitungen auf die diesjährige Messe, so meint Karl-Ludwig Wetzig, sei ihm bewusst geworden, wie viele isländische Romane erst über den deutschen Buchmarkt den Weg ins Ausland finden. Jón Kalman Stefánsson erklärt sich dieses Phänomen damit, dass viele Isländer naturnah leben und schreiben und dass dies anscheinend den deutschen Lesegeschmack treffen würde.

Zuletzt ging Karl-Ludwig Wetzig dann doch noch kurz auf Jón Kalman Stefánsson aktuellen Roman „Der Schmerz der Engel“ ein, in dem die Hauptfigur ein Landbriefräger ist, der keinen einfachen oder gar ungefährlichen Job hat. Jón Kalman Stefánsson meinte dazu, dass es ihn fasziniert hätte, wie Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts die Post zu Fuß oder per Pferd ausgetragen wurde. Dies war eine Zeit, in der es keine ausgebauten Straßen gab, die Menschen aber ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Kommunikation hatten, welches zu einem sehr regen Briefverkehr führte. Dieser Briefverkehr musste dann von den Landpostboten bewältigt werden, was in einem so unwirtlichen Land wie Island so einige Zeit kostete. So konnte es sein, dass jemand „Ich liebe dich, ich kann ohne dich nicht leben“ schrieb und wenn der Brief dann drei Monate später ankam und gelesen wurde, waren diese Sätze vielleicht schon nicht mehr wahr.