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„Die Hassliste“ von und mit Jennifer Brown

Am Freitag war die amerikanische Autorin Jennifer Brown zu Gast auf der Buchmesse und stellte dort ihr aktuelles Buch „The Hate List“ vor, welches in Deutschland unter dem Titel „Die Hassliste“ bei dtv erschienen ist. Die Übersetzerin des Buches Beate Schäfer und die Schauspielerin Anna Carlsson, die den Roman in der Hörbuchfassung eingelesen hat, nahmen ebenfalls an der Veranstaltung teil.

In „Die Hassliste“ erzählt die 16jährige Valerie davon, wie ihr Freund Nick in der Schul-Cafeteria das Feuer auf seine Mitschüler eröffnet. Er tötet dabei sechs Menschen und verletzt zahllose andere. Valerie selbst wirft sich vor eine Schülerin und wird dabei schwer getroffen. Doch hinterher wird sie keinesfalls als Heldin betrachtet, sondern als Mittäterin. Gemeinsam mit Nick hatte sie die Hassliste geführt, auf der die Namen aller Opfer standen. Für Valerie war es ein Spiel gewesen, aber für Nick offenbar nicht.

Jennifer Brown las selbst – auf englisch und betont – einen Szene aus dem Buch. Die späteren Passagen wurden von Anna Carlsson, engagiert und kraftvoll auf deutsch vorgetragen. In der gut besuchten Veranstaltung konnte das Publikum einen hervorragenden Eindruck von der jugendlichen Sprache des Romans bekommen und zugleich eine Vorstellung, wie der Text in der Hörbuchfassung klingen wird. Zwischendurch gab es immer wieder Gespräche zwischen Jennifer Brown, Beate Schäfer und Anna Carlsson.

Während der Übersetzungsarbeit habe sie sich, so Beate Schäffer, z. B. gefragt, ob Jennifer Brown oder eine ihre nahestehende Person einen Amoklauf miterlebt habe. Die geschilderten Szenen und Emotionen seien ihr sehr nahe gegangen, was Anna Carlsson übrigens auch bestätigte.

Die Autorin verneinte insofern einen autobiografischen Bezug. Allerdings seien Amokläufe tragischerweise immer wieder Teil des schulischen Lebens. Sie habe hier auf der Leserreise auch in Schulen gelesen und es habe sie verwundert, dass z. B. die Schüler nicht so offen über Mobbing sprechen würden. In den Staaten habe sie bei Lesungen erlebt, dass die Schüler viel eher und freier über dieses Thema sprechen, was allerdings auch daran liegen könne, das man dort aktiv in die Klasse ginge und Gespräche führe. Sie sei fand es auch überraschend, wie viel einfacher der Zutritt zur Schule in Deutschland erfolge: Diese werden offenbar nach Beginn des Schulbetriebes nicht abgeschlossen, es gäbe keine Metalldetektoren oder man würde auch nicht aufgefordert, die Tasche abzugeben.

Als Mutter müsse sie mit dieser Realität leben und die hiermit verbundenen Ängste seien in den Roman eingeflossen. Ein guter Teil von ihr selbst stecke allerdings in Valerie, da sie ihre eigenen Mobbing-Erlebnisse und Erfahrungen verarbeitet habe. Jennifer Brown stellte auch klar, dass sie wie viele andere keine endgültige Erklärung dafür liefern könne, weshalb ein Mensch zum Amokläufer werde. Auch in ihrem Roman werde dieser Punkt bewusst nicht erklärt. Man könne aus ihrer Sicht die Schuld nicht nur auf die Nutzung gewalttätiger Spiele schieben oder den Drogenkonsum oder darauf, dass Menschen gemobbt werden und sich so gerade bei Schülern ein emotionaler Druck, verstärkt durch Hormone in der Pubertät, aufbaue. Das Zusammenspiel und die Gewichtung der verschiedenen sozialen Komponenten würden Wirkung auf die jeweilige Persönlichkeit entfalte; nicht jedes „Opfer“ würde zum „Täter“.

Angesichts der tragische Aktualität auch in Deutschland klingt beim Publikum nach, ob nicht auch hier – wie in den Staaten – die Gespräche über Mobbing und das psychologische Angebot direkt in die Klasse und in den regulären Unterricht getragen werden sollten, um Schüler und Lehrkräfte nicht nur für dieses Thema weiter zu sensibilisieren, sondern auch die Gesprächsbereitschaft zu fördern.