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Von der Beschwerlichkeit des isländischen Postverkehrs

Auch Jón Kalman Stefánsson stellte auf der Lesebühne der Ehrengastpräsentation seinen neuen Roman „Der Schmerz der Engel“ (Piper Verlag) vor. Neben dem Autor nahm Karl-Ludwig Wetzig als langjähriger Übersetzer von Jón Kalman Stefánsson Romanen an der Runde teil, während Frau Betty Wahl dolmetschte. Auch ohne Übersetzung war für das Publikum spürbar, dass zwischen Karl-Ludwig Wetzig und Jón Kalman Stefánsson ein besonderes Verhältnis besteht. Dies ist offenkundig darauf zurückzuführen, dass sich Herr Wetzig intensiv mit dem Autor und dessen Bücher beschäftigt hat und weiterhin beschäftigt. So war es eigentlich kein Wunder, dass die beiden Herren immer wieder etwas vom Thema abkamen und über (isländische) Literatur und das Schreiben philosophierten. Dabei waren Übersetzer und Autor gelegentlich so im Gesprach vertieft, dass Betty Wahl ab und an unterbrechen musste, um gerade besprochener Passagen für das Publikum übersetzen zu können.

Nach einer kurzen Einleitung, in der Karl-Ludwig Wetzig auf die seiner Ansicht nach bestehenden Parallelen zwischen Kindheiterlebnissen des Autors und dessen Büchern hinwies, kam schnell die Frage nach den Lieblingsautoren des Schriftstellers auf und inwieweit diese sein Werk beeinflusst hätten. Hierbei handele es sich um eine Frage – so Jón Kalman Stefánsson -, die gar nicht so leicht zu beantworten sei: Entweder müsse man höflich lügen oder aber alle Autoren aufzählen, die einen beeinflusst haben, und das seien eindeutig zu viele. Immerhin würden ihm gerade spontan zwei Schriftsteller einfallen, nämlich Knut Hamsun und Enid Blyton.

Anfangs hatte Jón Kalman Stefánsson auch schon erwähnt, dass das Schreiben für ihn ein inneres Bedürfnis sei – vor allem benötige er es als Ausgleich für seinen Job bei einer Bank. Auf diesen Punkt ging Karl-Ludwig Wetzig noch einmal ein, als er fragte, warum der Autor sich mit seinen Büchern nicht mehr am Markt orientieren und so vielleicht auf einen Brotjob verzichten können würde. Doch Jón Kalman Stefánsson wies die Vorstellung, mit dem Strom zu schwimmen weit von sich. Wenn man Bücher schreiben wolle, die etwas aussagen und die Welt weiterbringen, dann gehe man nicht auf den Buchmarkt ein, sondern schreibe einfach.

Karl-Ludwig Wetzig betont daraufhin, dass dieses Konzept ja auch erfolgreich sei; zumindest habe Jón Kalman Stefánsson diverse Preise in Island, den skandinavischen und europäischen Ländern für seine Bücher bekommen. Ob dieser Erfolg im Ausland denn auch einen Einfluss auf sein Ansehen in Island hätte? Humorvoll erwidert Jón Kalman Stefánsson daraufhin, dass diese Anerkennung in Ausland nicht zu unterschätzen sei. Erstens könne er so viel reisen, zweitens wären da die Duty-Free-Einkäufe bei der Rückkehr nach Island und drittens wäre da das gute Gefühl, mehr Leser mit seinen Romanen erreichen zu können. Aber es wäre nicht so, dass er täglich an diesen Erfolg denken würde – er würde weiterhin einfach schreiben. Immerhin sei ihm aber durch seine Veröffentlichungen im Ausland bewusster geworden, welche Wichtigkeit den Übersetzern zukomme.

Erst durch die Vorbereitungen auf die diesjährige Messe, so meint Karl-Ludwig Wetzig, sei ihm bewusst geworden, wie viele isländische Romane erst über den deutschen Buchmarkt den Weg ins Ausland finden. Jón Kalman Stefánsson erklärt sich dieses Phänomen damit, dass viele Isländer naturnah leben und schreiben und dass dies anscheinend den deutschen Lesegeschmack treffen würde.

Zuletzt ging Karl-Ludwig Wetzig dann doch noch kurz auf Jón Kalman Stefánsson aktuellen Roman „Der Schmerz der Engel“ ein, in dem die Hauptfigur ein Landbriefräger ist, der keinen einfachen oder gar ungefährlichen Job hat. Jón Kalman Stefánsson meinte dazu, dass es ihn fasziniert hätte, wie Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts die Post zu Fuß oder per Pferd ausgetragen wurde. Dies war eine Zeit, in der es keine ausgebauten Straßen gab, die Menschen aber ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Kommunikation hatten, welches zu einem sehr regen Briefverkehr führte. Dieser Briefverkehr musste dann von den Landpostboten bewältigt werden, was in einem so unwirtlichen Land wie Island so einige Zeit kostete. So konnte es sein, dass jemand „Ich liebe dich, ich kann ohne dich nicht leben“ schrieb und wenn der Brief dann drei Monate später ankam und gelesen wurde, waren diese Sätze vielleicht schon nicht mehr wahr.

Am liebsten gut

Auch die Autorin Jónína Leósdóttir war mit ihrem bei Kiepenheuer & Witsch verlegten Roman „Am liebsten gut“ auf der Lesebühne der Ehrengastpräsentation vertreten. Dieser Titel ist das erste Buch, das die Journalistin für ein erwachsenes Publikum geschrieben hat, während sie sonst in Island vor allem für ihre Jugendromane bekannt ist. Und wie in ihren Jugendbüchern verpackt Jónína Leósdóttir auch in „Am liebsten gut“ ein ernsthaftes Thema in einer amüsanten Geschichte.

 

Tina Flecken (Moderation), Jónína Leósdóttir und Ursula Giger (Übersetzerin)

 

Jónína Leósdóttirs Hauptfigur Nina hat den Ehrgeiz, sowohl beruflich als auch als Hausfrau und Mutter erfolgreich zu sein. Dabei fühlt sich Nina nicht nur für ihre Familie verantwortlich, sondern auch für alle Probleme der Menschen um sich herum – selbst wenn diese Personen gar nicht wissen, dass sie überhaupt Probleme haben könnten. So kümmert sich die überführsorgliche Frau auch darum, dass ihr Vater und ihre Schwester mit dem Tod der Mutter fertig werden, während sie ihre eigenen Bedürfnisse zur Seite schiebt und vergisst, dass sie sich auch um sich selber kümmern muss. Dabei – so erklärt es die Autorin ganz deutlich – erwartet niemand von Nina, dass sie all diese Aufgaben übernimmt, aber sie selber setzt eben hohe Anforderungen an sich.

Es ist schon ein wenig auffällig, dass sowohl Jónína Leósdóttir als auch Kristín Marja Bal­durs­dót­tir für ihre Romane Hauptfiguren gewählt haben, die in ihrem selbst gesteckten Perfektionismusanspruch nur scheitern können. Aber Jónína Leósdóttir erklärt dies in dem Gespräch mit Tina Flecken (die auch „Am liebsten gut“ übersetzt hat) damit, dass Frauen ihrer Generation als erste mit der Doppelbelastung Karriere und Familie fertig werden mussten. Und ihrer Ansicht nach haben sie diese Herausforderung nicht gut gemeistert, da sie neben dem Vollzeitberuf versucht haben, den Haushalt ebenso gut zu meistern wie ihre Mütter, die sich noch ausschließlich um die Familie gekümmert haben.

Doch eigentlich entstand die Idee zu diesem Roman nicht aus dem Bedürfnis heraus, über ihre Generation zu schreiben, sondern aufgrund der Bachelor-Arbeit von Jónína Leósdóttir. Dort hat sich die Journalistin intensiv mit Janes Austens Werk „Emma“ auseinandergesetzt und fand den Gedanken sehr reizvoll, über eine Person zu schreiben, die anfangs niemand leiden kann. So wie Emma ist sich auch Nina sicher, dass sie am Besten die Bedürfnisse ihrer Lieben kennt und sich darum zu kümmern hat. Stattdessen erzeugt sie jedoch Chaos und Unruhe, die nie entstanden wären, wenn sie sich nicht eingemischt hätte.

Leider gelang es Tina Flecken nicht so recht, den Humor in der von ihr vorgelesene Passage zu transportieren, was vielleicht daran lag, dass dieser Abschnitt aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Aber Jónína Leósdóttir selber hinterließ bei dieser Vorstellung ihres Werkes einen so humorvollen Eindruck, dass man sich wünscht, dass noch mehr Titel dieser Autorin den Weg ins Deutschen finden werden. Vielleicht klappt dies ja mit ihrem geplanten neuem Jugendbuch, in dem trotz schwieriger Themen wie Depressionen und Selbstmord erneut auch der Humor nicht zu kurz kommen kommen soll.

Ein Roman über das Wasser (und zwei Frauen)

Eine der Autorinnen, die am Donnerstag auf der Bühne der Ehrengastpräsentation ihren neuen Roman vorstellte, war Kristín Marja Baldursdóttir. Ihr beim Krüger-Verlag erschienener Titel „Sterneneis“ stand im Mittelpunkt dieses – auf deutsch geführten – Gesprächs mit Wiebke Porombka. Doch bevor die beiden Damen auf den Inhalt des Buches eingehen konnten, war es Kristín Marja Baldursdóttir ein Bedürfnis, ein Missverständnis aus dem Weg zu räumen, da sich Frau Prombka über das Impressum amüsierte. Denn danach sollen Männer dieses – vom Verlag als Frauenroman beworbene – Buch nur „auf eigene Verantwortung“ lesen. Dagegen hatte die Autorin im Original aber eine allgemeine geschlechtsunabhängige – augenzwinkernde – „Warnung“ geschrieben, von der seitens der Übersetzerin ein Wort fehlinterpretiert wurde.

 

Kristín Marja Baldursdóttir (links) im Gespräch mit Wiebke Porombka

 

Als jemand, der sich seit vielen Jahren für die Gleichberechtigung einsetzt, wäre es Kristín Marja Baldursdóttir doch etwas unangenehm, wenn man ihr Vorurteile gegen Männer zutrauen würde. Dabei liegt es der engagierten Journalistin eher am Herzen, Frauen aufzurütteln und sie daran zu hindern, sich zurück zu entwickeln. Sie fände es nämlich sehr erschreckend, dass sich die Frauen in Island in den letzten Jahren wieder so viel von ihrer Selbstständigkeit hätten nehmen lassen. Daher stamme auch ihr Bedürfnis, über starke weibliche Charaktere zu schreiben, um aufzuzeigen, dass es den Frauen nur an etwas Mut fehle, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

So ist auch die Psychiaterin Gunnur eine erfolgreiche und energische Frau, die allerdings immer zu viel von sich erwartet. Sie will nicht nur die Anforderungen im Beruf perfekt bewältigen, sondern versucht auch, alle Erwartungen zu erfüllen, die vielleicht als Haus- und Ehefrau an sie gestellt werden könnten. Die aus diesem übertriebenen Ehrgeiz resultierende Überforderung führt zu einem Zusammenbruch, als bei Gunnur eingebrochen wird. Von einem Moment auf den anderen wurde sie nicht nur materieller Dinge beraubt, sondern auch der Sicherheit und Privatsphäre im eigenen Heim.

Verschärft wird die Situation für die Psychiaterin dadurch, dass sie die nächsten Tage auch noch auf die vierzehnjährige Hugrún, die Tochter ihrer Innenarchitektin, aufpassen soll. Zu zweit machen sich die beiden mitten im Winter auf in Gunnurs Sommerhaus – doch dort streikt die Technik, so dass sich die verunsicherte Frau und das ihr fremde Mädchen in der Natur beschäftigen müssen.

Ob die von ihr beschriebenen Szenen dabei Gunnur wirklich passieren oder ihrer Vorstellung entstammen, kann oder will Kristín Marja Baldursdóttir nicht beantworten. Für sie war es vor allem wichtig, sich in diesem Buch auf das in Island allgegenwärtige Wasser (Eis, Regen, Meer) zu konzentrieren und auf die Frage, was wohl mit einem Menschen geschieht, der all seines Luxus beraubt wird. Dabei soll Hugrúns Verhalten aufzeigen, wie sehr es der erfolgreichen und ehrgeizigen Gunnur tagtäglich an Mut fehlt.

Während des Gesprächs machte Kristín Marja Baldursdóttir einen sehr sympathischen und humorvollen Eindruck. Und auch von ihrem Roman meinte die Autorin, dass es einige lustige Momente darin gebe, doch leider kam dies – vielleicht auch aufgrund der Übersetzung – in der vorgetragenen Passage nicht zur Geltung. So bleibt von diesem Gespräch wohl vor allem Kristín Marja Baldursdóttirs Liebe zum Wasser im Gedächtnis, ihr Bedürfnis darüber zu schreiben und ihre Aussage, dass sie die deutsche Sprache an einen gefrorenen Wasserfall im Winter erinnere.

Warum man Island einfach lieben muss

Während das aktuelle Gastland auf der Buchmesse allgegenwärtig vertreten ist und einen umfassenden Einblick in die isländische Literatur bietet, bekommt man mit dem Buch “Wo Elfen noch helfen – Warum man Island einfach lieben muss” eine Vorstellung davon, welche Erlebnisse ein Aufenthalt in Island für eine deutsche Journalistin bereit hält. Der im Diederichs-Verlag erschienene Titel von Andrea Walter beschreibt vor allem die teilweise recht kuriosen Erfahrungen, die sie als Stipendiatin bei der Isländer Zeitung “Morgunblaðið” in Reykjavík sammeln konnte.

 

Andrea Walter beim Signieren ihres Buches

 

Bei ihrer Lesung am Mittwoch präsentierte die Autorin ausgewählte Szenen aus ihrem Buch und ergänzte diese immer wieder durch kleine Details, wodurch sie dem Zuhörer eine lebendige Vorstellung u.a. von der Mentalität der Inselbewohner vermittelte. Während die Autorin unterhaltsam vortrug,  wie sie die Ehrenwikingerwürde erlangte – und sich am selben Abend zu ihrer eigenen großen Überraschung mit zwei fremden Isländerinnen in einer befremdlichen Situation auf der Damentoilette wiederfand -, konnte man die große Liebe und Begeisterung von Andrea Walter für dieses Land geradezu spüren.

So erzählt sie von der Hilfsbereitschaft ihrer Kollegen beim “Morgunblaðið”, von den durchgehend vorhandenen Englischkenntnissen und dem großen Anteil deutschsprachiger Isländer. Und auch davon, wie einfach es oft sei auf Island zu recherchieren, weil man in der Regel in der Redaktion jemanden findet, der die Telefonnummer oder E-Mail-Adresse der Person bei der Hand hat, die demnächst interviewt werden soll.

Während Andrea Walter mit vielen Anekdoten schallendes Gelächter bei ihren Zuhörern hervorrief, lösten die Geschichten rund um ihre Erfahrungen mit dem traditionellen Essen der Insel doch eher einen Schauer beim Publikum aus. So amüsant die Journalistin ihren ersten – und vermutlich letzten – Versuch, einen halben Schafskopf zu essen, schildert, so plastisch waren auch ihre Beschreibung der Zubereitung, ihrer Unfähigkeit einigermaßen appetitliche Stücke zu finden und des – manchmal sogar überraschend erträglichen – Geschmacks.

Am Ende der Lesung bekamen die Zuschauer – wie zu Beginn der Veranstaltung angekündigt – die Möglichkeit, Fragen zu stellen. So erfuhr man noch, dass die Journalistin nur ein paar Worte Isländisch spricht, in ihrer Eigenschaft als “Islandexpertin” in den letzten Jahren regelmäßig das Land bereist und mehr von der Insel gesehen hat als nur Reykjavík. Außerdem könnte sie es sich durchaus vorstellen, in Island zu leben, auch wenn sie bislang noch keinen Winter auf der Insel erlebt hat – aber immerhin sei ihr bekannt, dass man in diesen dunklen Monaten viel Zeit mit dem Lesen verbringen könnte, während der Sommer mit Aktivitäten gefüllt sei.

Natürlich zieht sie es auch in Betracht ihren Titel “Wo Elfen noch helfen” auch über Buchhandlungen in Island auf den Markt zu bringen. Da das ausländische Angebot dort recht groß ist, wären die Chancen gar nicht so schlecht und der Diederichs-Verlag hätte die dementsprechenden Verhandlungen schon ins Auge gefasst.

Zuletzt wurden noch einige Exemplare des Buches an diejenigen im Publikum verlost, die Fragen zu der Geschichte Islands, zu speziellen Eigenheiten der Isländer oder zu erwähnten Erlebnissen der Autorin beantworten konnten. Die Gewinner können so nun mehr über einen Komiker als Bürgermeister von Reykjavík, den Herausforderungen, die man bewältigen muss, wenn man  einen Gefängnisinsassen besuchen möchte (wichtig ist vor allem der vorherige Anruf, damit der Gesprächspartner dann nicht unterwegs ist) und das turbulente Nachtleben am Freitagabend in Reykjavík lesen.

Island ein Ort der Ruhe?

Ob Island wirklich eine durch und durch friedliche und ruhige Insel ist, darf man nach den diversen Berichten über das (Nacht-)Leben in Reykjavík, die kulturelle Szene in Island und die vielen sommerlichen Aktivitäten der Inselbewohner auf jeden Fall anzweifeln. Aber auf der Buchmesse ist die Fläche der Ehrengastpräsentation in diesem Jahr so gestaltet, dass sie nicht nur eine gelungene Bühne für die Lesungen isländischer Autoren bildet, sondern auch zum Verweilen einlädt.

 

 

Betritt man den abgetrennten Bereich auf der Ebene 1 im Forum, so überkommt einen gleich ein Gefühl von Gemütlichkeit. Auf großen Leinwänden kann man Isländer sehen, die vor ihren Bücherregalen sitzen und lesen – ob auf dem Sofa, einem Stuhl oder am Tisch, immer mit dem Lieblingsbuch in der Hand, aus dem dem Betrachter vorgelesen wird. Natürlich nicht von allen gleichzeitig, sondern immer abwechselnd, so dass man in Ruhe von Leinwand zu Leinwand schlendern und dem jeweils Vortragenden zuhören kann.

 

 

Neben dieser Präsentation laden gemütliche Sitzmöbel und Tische zum Verweilen und Stöbern in Bücher oder zum interessanten Austausch über die ganzen Neuentdeckungen ein. Dabei herrscht trotz der nicht gerade geringen Besuchermenge eine ruhige und entspannte Atmosphäre, die nach der Hektik und der Reizüberflutung in den Messehallen wunderbar erholsam ist. Eine weitere Besonderheit der Ehrengastpräsentation stellt ein Pavillon da, der dem Betrachter durch einen Panoramafilm das Gefühl vermittelt, inmitten der beeindruckenden isländischen Natur zu stehen.

 

 

Auf der Bühne hingegen finden jeden Tag durchgehend halbstündige Lesungen isländischer Autoren statt, zum Teil sogar in deutscher Sprache, da erstaunlich viele Isländer diese hervorragend beherrschen. Hierdurch wird den Besuchern ein vielseitiger Einblick in die Literatur dieses Landes, das Leben und das Arbeiten der Autoren und viele kleine Aspekte des Alltags auf dieser Insel geboten. So kann man in diesem Bereich in gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre seine Neugier auf Island und seine Literatur stillen und die Hektik des Buchmesse für einen Moment hinter sich lassen.

Lesung mit Joachim Król: „Taxi 79 ab Station“

Es gibt Menschen, denen schaut und hört man einfach gerne zu. Diese Menschen können selbst in schlechteren Produktionen nicht übersehen oder überhört werden und verwandeln auch die kleinste Rolle in etwas Besonderes. Sie können dem Inhalt des langweiligsten Romans Reiz verleihen und einem faszinierendem Buch noch mehr Beachtung. Einer dieser Menschen ist Joachim Król.

Am gestrigen Donnerstag präsentierte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Berlin-Brandenburg e.V., der Transit Buchverlag und Sagenhaftes Island e.V. im Berliner Zimmer auf dem Buchmessegelände den  Roman „Taxi 79 ab Station“ des Isländers Indridi G. Thorsteinsson. Die deutsche Übersetzung stammt von Betty Wahl.

Nach einleitenden Worten des Verlagsleiters und Autors Halldór Gudmundsson von Transitverlag und einer weiteren Einführung von Thomas Böhm (Sagenhaftes Island) las der bekannte Schauspieler Joachim Król eine Szene aus „Taxi 79 ab Station“: Der Taxifahrer Ragnar (Taxi 79) spielt gerade mit einem Kollegen Schach, als er über die Zentrale einen Auftrag von zwei US-Soldaten erhält. Er soll ihren betrunkenen Kameraden von Reykjavik zurück zum Luftwaffenstützpunkt in Keflavik fahren. Sollte der Betrunkene aufwachen, möge Ragnar auch von ihm das Taxigeld kassieren und den beiden Soldaten deren Betrag erstatten. Tatsächlich wacht der US-Soldat auch kurz vor Keflavik auf und bezahlt anstandslos. Ragnar macht sich auf den Rückweg und sieht eine auffällig elegante Frau vor ihrem liegengebliebenen Buick stehen. Ragnar stoppt und macht die Bekanntschaft von Gogo.

Beinah etwas schleppend mit unterstützender Gestik und Mimik las Joachim Król Ragnars Bericht, was aber sehr gut zu der Stimmung passte: Einen Betrunkenen durch die Nacht zu fahren ist einsam – und kann unschön enden. Obwohl das Radio läuft und sich der Fahrgast später rauchend nach vorn zu Ragnar setzt, bleibt die Romanszene ruhig. Man hört beinahe das von Thorsteinsson beschriebene Klopfen des Motors und erahnt das durch die Nacht fahrende Taxi.

Der in den 50er Jahren spielende Roman ist in Island bereits ein Klassiker. In einem kleinen Buch von nicht mal 150 Seiten habe der Autor, so Thomas Böhm, die Wandlung der Werte in Island des 20. Jahrhunderts eingefangen. Thomas Böhm nennt Indridi G. Thorsteinsson einen isländischen Hemingway.

In der Lesung wird deutlich, wie visuell Thorsteinsson beschreibt. Der Text weist, wie auch Joachim Król erklärte, eine hohe Informationsdichte auf, ohne überladen zu sein. Und ja, die gelesene Szene wirkt nicht überfrachtet – ob dies aber am Autor oder am Vortragenden liegt, muss jeder Leser selbst entscheiden. Eine Hörbuchversion mit Joachim Król gibt es derzeit nicht; eine Leseprobe ist hier (klick) zu finden.

Sagenhafte Morde – Mythen und Realien des Islandkrimis

Im Rahmen der Programmreihe „Krimi am Mittag“ wurde am Mittwoch auf der Weltempfang-Bühne der Frankfurter Buchmesse über die Mythen und Realien des Islandkrimis diskutiert. Unter der Moderation des Journalisten Thomas Wörtche sprachen Yrsa Sigurđardóttir (isländische Krimiautorin und Ingenieurin), Kristof Magnusson (Autor und Übersetzer aus dem Isländischen) und Kristján B. Jónasson (isländischer Verleger) über die Hintergründe und den überraschenden Erfolg des isländischen Krimis.

Während 1995 die isländischen Verleger noch der Meinung waren, dass einheimische Krimis keinen Markt fänden, da ihr Land zu friedlich ist, um einen Hintergrund für eine realistische Geschichte zu bieten, wurden 1998 die ersten vier Romane veröffentlicht, die dem heutigen Bild des „typischen“ Islandkrimis entsprachen. Im Gegensatz zu früheren Kriminalromanen, die in Island spielten, wurde dem Leser hier keine Geschichte präsentiert, in der zum Beispiel ein ausländischer Agent eine Schießerei im amerikanischen Stil in Reykjavik auslöste, sondern es entstanden leisere Geschichten, die ihren Schwerpunkt auf realistische Szenarien setzten. Dabei lässt sich eine Verbindung zwischen den Grundthemen der isländischen Sagas und denen der modernen isländischen Krimis herstellen, in denen eher alltägliche Dinge den Anstoß zum Verbrechen geben.

Der nationale und internationale Erfolg dieser Islandkrimis führte dann dazu, dass weitere Autoren sich dieses Genres in ähnlicher Weise annahmen und so das Bild vom typischen isländischen Kriminalroman prägten. Aber natürlich lässt sich dies nicht über jeden isländischen Krimiautor sagen. Die Autorin Yrsa Sigurđardóttir zum Beispiel verspürte das Bedürfnis, einmal etwas ganz anderes als humorvolle Kinderbücher zu schreiben. Interessant war auch ihre Anmerkung, dass sie sich als isländische Autorin ihrer (heimischen) Leserschaft sehr bewusst ist und deshalb auch immer darauf achtet, dass sie ihre Geschichten unmissverständlich aufbaut. So transportiert sie ihre Handlung im Bedarfsfall auch nach Grönland, um zu verhindern, dass man ihren Roman als Anspielung auf ein Ingenieursprojekt versteht, an dem sie beteiligt ist.

Isländische Kriminalromane lösen vor allem aufgrund von zwei Aspekten Begeisterung aus: Einmal bestechen die Geschichten durch ihren scheinbaren Realismus und zum anderen durch ihren minimalistischen Erzählstil. Die Handlungen wirken glaubwürdig und der isländischen Gesellschaft entsprechend, obwohl auch in diesem Land der Großteil der (wenigen) Morde eher im engeren Umfeld passiert und keinen Stoff für einen Roman bieten würde.

Während im restlichen Europa der Islandkrimi gern mit dem skandinavischen Krimis verglichen wird, hat in Island die Popularität der heimischen Kriminalromane zu einem vermehrten Interesse an skandinavischen Autoren aus diesem Genre geführt. Dabei wird auch in Island – wie in den meisten anderen Ländern – der Krimi von den Kritikern noch immer nicht als vollwertige Literatur angesehen, obwohl diese Bücher bei den Lesern ein hohes Ansehen genießen.