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Die Adaption von Prousts „Verlorener Zeit“ als Graphic Novel

Im Comic-Zentrum war am 07.10.2010 der französische Comicautor und Zeichner Stéphane Heuet zu Gast, der seit über 14 Jahren an der Umsetzung von Marcel Prousts Literaturklassiker „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Graphic Novel arbeitet. Mit „Combray“ ist aktuell der erste Teil auch in deutscher Sprache im Knesebeck-Verlag erschienen.

Stéphane Heuet erzählte davon, dass er als junger Mann versucht habe, Proust zu lesen, nur um den Roman nach ein paar Seiten gelangweilt zur Seite zu legen. Etliche Jahre später habe er sich mit seiner Frau unterhalten, die von Proust begeistert war. Also gab er ihm eine weitere Chance … und entdeckte ihn. Prousts Werk strotze vor Leben, Literatur, Kunst und feinsinnigem Humor. Er habe noch in der Werbung gearbeitet, als er darüber nachdachte, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Graphic Novel umzusetzen. Interessanterweise erhalte er heute von den großen Verlagen, denen er früher erfolglos seine Graphic Novel angeboten hatte, Offerten. Stéphane Heuet betonte aber, dass er seinem Stammverlag Delcourt treu bleibe, der an ihn und seine Idee geglaubt und sich auf das Veröffentlichungsrisiko eingelassen habe.

Der sympathische Heuet ließ im Publikum Skizzenhefte herumgehen und präsentierte zudem auf einer Leinwand anhand von Beispielen, wie er Prousts Texte als Graphic Novel umsetze:

Er gehe textorientiert vor und erstelle zunächst nur den Textbogen ohne irgendwelche Zeichnungen. Prousts Werk könne dabei auf vier Arten in den Comic einfließen, und zwar können Passagen
– wegfallen
– in ein Bild übertragen werden, zum Beispiel bei Landschaftsbeschreibungen,
– als Dialog in der Sprechblase oder
– als Offstelle im Textkasten – gegebenenfalls gekürzt – auftauchen.

Nach dem Zeichnen scanne er die Bilder in den Rechner, bearbeite sie und setze die Zeichnungen erst dann in den Textbogen ein.

Dabei erstelle er sehr große detaillierte Zeichnungen. So sei er nämlich in der Lage, im Textbogen auf eine bestimmte Szene des Bildes zuzugreifen oder das Bild zu verschieben (um das Augenmerk auf einen anderen Bereich zu richten), nachträglich weiter zu bearbeiten, zuzuschneiden oder die Sprechblasen frei auf dem Bild zu positionieren.

Sehr interessant und spannend empfände er auch die Recherchearbeit für die zeichnerische Gestaltung der Graphic Novel. So nutze er Fotografien und alte Postkarten, um zum Beispiel zeitgemäße Gebäude einzubringen. Da Proust in seinem Roman über fiktive Künstler und deren Werke schreibt, habe er auch vor der Herausforderung gestanden, diese erfundenen Werke zeichnerisch zu integrieren. Proust selbst sei zwar kein guter Maler, aber ein sehr guter Beschreiber von Kunstwerken gewesen. Dies habe ihm als Basis gedient, real existierende Gemälde zu finden, zu bearbeiten und sodann einzuarbeiten.

Er habe sich auch von Filmen wie Viscontes „Tod in Venedig“ oder Proust-Verfilmungen inspirieren lassen.

Die Umsetzung von Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Graphic Novel ist zweifellos ein zeitintensives Projekt …