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Claudia Piñeiro im Gespräch mit Dieter Moor

Die Frankfurter Buchmesse ist auch immer eine Gelegenheit, sich intensiver mit der Literatur eines fremden Landes auseinanderzusetzen. Zu den Autorinnen des diesjährige Gastlandes Argentinien, die sich in Deutschland schon einen Namen gemacht haben, gehört Claudia Piñeiro. Inzwischen sind drei Romane von ihr auf Deutsch erschienen: Ihr Debütwerk „Ganz die Deine“, „Elena weiß Bescheid“, für den Claudia Piñeiro am 3. Oktober 2010 mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet wurde, und der aktuelle Titel „Die Donnerstagswitwen“. Heute Vormittag konnte man die Autorin im Gespräch mit Dieter Moor, dem Moderator des Kulturmagazins „Titel, Thesen, Temperamente“, auf der ARD-Fernsehbühne erleben. Vor allem ging es dabei um den Werdegang von Claudia Piñeiro und um die Hintergründe ihres neuen Romans.

Obwohl die Autorin schon als Kind Schriftstellerin werden wollte, hat sie erst einmal Wirtschaftswissenschaften studiert. Dabei hätte der Bereich Soziologie – ein Interessengebiet, das sich auch immer wieder in ihren Büchern wiederfinden lässt – Claudia Piñeiro viel mehr gereizt, aber dieses Fach war kurz vor ihrem Studienbeginn von der Militärdiktatur abgeschafft worden. Ihre Karriere als Autorin hat sie dann erst dank eines Glücksfalls beginnen können, als sie an einem Kurs über das Drehbuchschreiben teilnehmen durfte, obwohl sie damals ihr Kind zu dieser Veranstaltung mitnehmen musste. Diese Wurzeln im Drehbuch- und Theaterbereich sind vermutlich auch der Grund, warum ihre eigentlich ernsten und gesellschaftskritischen Geschichten vom Leser eher als unterhaltsame Kriminalromane empfunden werden.

Mit „Die Donnerstagswitwen“ beleuchtet Claudia Piñeiro das Leben in den abgeschlossenen Siedlungen außerhalb von Buenos Aires. Hinter hohen Mauern, die die Bewohner vor der Gewalttätigkeit der restlichen Welt schützen sollen, fühlt sich die vermeintliche Elite des Landes sicher. Doch die Wirtschaftskrise, die Argentinien nach dem Boom der 90er Jahre besonders hart trifft, macht auch vor diesen geschützten Enklaven nicht halt. Und so beschreibt die Autorin in ihrem Roman die verzweifelten Versuche der Bewohner einer dieser Siedlungen, die heile Fassade nach Außen aufrecht zu erhalten, während die Familien mit Arbeitslosigkeit, Geldsorgen und veränderten Rollenverhältnissen kämpfen müssen. Dabei wird die scheinbare Idylle schon zu Beginn des Romans durch den Tod dreier Männer aufgebrochen.

Da Claudia Piñeiro in ihrem Roman einen so kritischen Blick auf das abgeschottete Leben in den Siedlungen der Reichen im Umland von Buenos Aires wirft, ist es im ersten Moment erstaunlich, dass sie selbst an einem solchen Ort wohnt. Aber die Autorin wollte ihren drei Kindern kein Leben in der Großstadt zumuten und findet das Leben in einer geschützten Siedlung an sich nicht verwerflich. Nur die Tendenz, sich gegen die Außenwelt vollkommen abzuschotten, die sie bei vielen ihrer Nachbarn beobachten kann, ist sehr bedenklich. Ansonsten geht Claudia Piñeiro eher davon aus, dass die Wirtschaftskrise für Argentinien eine Chance sein könnte, sich wieder auf die eigene Identität zu konzentrieren, statt sich als eine Art „südamerikanisches Europa“ zu sehen.