Archiv der Kategorie: Leipzig 2011

Fahr Sindram: Mangaka

Etwas Pech hatte Fahr Sindram schon, da die Vorveranstaltung überzogen hatte und „ihre“ halbe Stunde auf dem Schwarzen Sofa am Samstag so noch kürzer wurde.

Dennoch war es seltsam, zuzuschauen, wie ihr Verleger (butter & cream) in einer Art Speedinterview die Mangaka Fahr Sindram befragte. Auch wirkte es befremdlich, wie sich die Künstlerin und ihr Verleger häufiger das Wort abschnitten. Man bekam beinahe den Eindruck vermittelt, als ob die beiden eine schwierige Arbeitsbeziehung hätten.

Ein Blick auf Fahr Sindrams Arbeit konnte das Publikum trotzdem werfen. 😉

Ihr Manga „Losing Neverland“ beschäftige sich mit Kinderpornographie, die auch in Manga auftauche und kaum Widerspruch errege. Dagegen wollte und will sie mit diesem Manga vorgehen, in dem ein Junge gezwungen wird, auf den Strich zu gehen. Der Manga sei als Reihe konzipiert, im Winter 2010 sei gerade der dritte Band erschienen. „Im Kopf“ habe sie Material für weitere drei Bände, allerdings fehle ihr angesichts weiterer Projekte momentan die Zeit.

Zusammen mit Walther Hans habe sie das Geschenkbuch „Pouka & Spooks“„Lord Skeffington Scatters“, geschrieben über die ungewöhnliche Liebe eines Skeletts zu einem Teddybären. Eine andere Kinderbuchreihe in Zusammenarbeit mit Walther Hans drehe sich um einem Zombie, der mit 15 eigenwilligen Katzen zusammelebt.

Und dann sei da noch ihr aktueller Manga „cave canem“ (eine Seite im mangareader:klick) Ein verrückter Professor nimmt in Sibirien Experimente mit dem Wolfsjungen Jiri vor. Jiri kann entkommen  und trifft dabei auf das Mädchen Toriana, die er offenbar als firschen Proviant auf zwei Beinen ansieht, während sie froh ist, einen Freund gefunden zu haben.

aus „cave canem“ von Fahr Sindram

aus „cave canem“ von Fahr Sindram

Teil 2 von „cave canem“ Reihe erscheint im März 2011.

Zwar lief die halbe Stunde recht ruppig ab, dass die Mangaka Fahr Sindram mit Leidenschaft arbeitet, war aber nicht zu übersehen.  Die vorgestellten Kinderbücher wirken liebenvoll gestaltet und ihre Manga interessant.

Schatzsuche: Hörspiel-Klassiker und Lizenzen

Warum sind Hörspiel-Klassiker wie die Reihen um „Professor van Dusen“, „Offenbarung“, „Schubiduu ..uh“ so lange nicht auf dem Audiomarkt verfügbar gewesen bzw. sind es nicht vollständig und werden diese und andere Reihen fortgesetzt? Diese und andere Punkte besprach – untermalt von Einspielungen einiger Hörspielklassiker – am Samstag in der Messehalle 3 diese illustre Runde :

von links nach rechts: Rainer Clute (Regisseur, Deutschlandradio), Harald Dzubilla alias Peter Riesenburg (Autor von z.B. „Schubiduu… uh“, „Detektiv Kolumbus & Sohn“), Michael Koser (Autor, z.B. „Professor von Dusen“), Jan Gaspard (Autor z.B. „Offenbarung 23“, Produzent), Sebastian Probot (Highscoremusic) und der Moderator Olaf von der Heyer (Rezensent)

Das Label Highscoremusic unter der Leitung von Sebastian Probot hat es in den letzten Jahren geschafft, einige Hörspiel-Klassiker wie „Detektiv Kolumbus & Sohn“ , „Schubiduu ..uu“ oder die erste Staffel von „Professor van Dusen“ wieder auf den Markt zu bringen.

„Anlass“ war vor Jahren, wie Sebastian Probot erzählte, die Frage einer guten Freundin, ob er nicht das Hörspiel „Als die Autos rückwärts fuhren“ besorgen könne. Er habe bei ebay geschaut – und wollte nicht Hunderte von Euro für eine Schallplatte ausgeben. Daraufhin habe er dann einfach mal beim Sender angerufen und gefragt, ob er die Rechte haben könne. Vermutlich sei es nur seinem Hintergrund als Musikproduzent zu verdanken, dass man ihn überhaupt ernst genommen hätte. Er musste erfahren, dass beim Hörspiel mehrere Rechte zu berücksichtigen sind: die des Autors, der Sprecher, der Musiker, Internet-Veröffentlichung etc. Als die Hörspiele in den 70er produziert worden seien, hätten einige Radiosender – so auch RIAS – kaum Lizenzverträge im heutigen Sinne geschlossen und falls doch, wären z.B. Vervielfältigung durch Internet nicht Bestandteil gewesen. Allerdings: Als er erst einmal angefangen hatte, wollte er die Sache auch zu Ende bringen. Wie gut für die Hörspiel-Fans, dass Sebastian Probot diese Einstellung hatte, denn die CD „Als die Auto rückwärts fuhren“ ist wieder im Handel 🙂

Auch bei der „Professor-van-Dusen-Reihe“ habe es erhebliche Probleme bei der Klärung der Rechte gegeben, nicht nur weil Sprecher verstorben seien. Die schwierige Situation habe wohl auch die früheren Versuche, die Reihe wieder aufzulegen, scheitern lassen. Erst Stefan Probots Beharrlichkeit – so Rainer Clute und auch Michael Koser- sei es zu verdanken, dass die erste Staffel der Professor-van-Dusen-Reihe wieder im Handel sei. Stefan Probot gab das Kompliment aber auch zurück und meinte, nur durch die Mithilfe von Rainer Clute und Michael Koser sei er weitergekommen, denn der Sender selbst habe sich hier nicht sehr kooperativ gezeigt. Rainer Clute stimmte zu und nutzte die Gelegenheit, eine Entschuldigung gegenüber Sebastian Probot wegen der Schwierigkeiten und der offenbar zu hohen Lizenzgebühren bei der Musik auszusprechen. Glücklicherweise wurde Stefan Probots Engagement durch diese Abläufe nicht gedämpft. So habe es Sebastion Probot geschafft, wie Michael Koser sagt, die Rechte für die zweite Staffel der Professor-van-Dusen-Reihe zu erwerben: Es werde weitere vier Folgen geben und wer weiß, vielleicht sind irgendwann wieder alle 77 Folgen auf dem Markt. 😉

Erheblich weniger Probleme habe man dagegen beim Erwerb der Rechte zu „Schubiduu …uh“ und „Detektiv Kolumbus & Sohn“ gehabt. Die Lizenzfrage sei hier leicht zu klären gewesen, da Harald Dzubilla der alleinige Ansprechpartner gewesen sei. Dies habe sich auch auf den Markpreis der Hörspiele ausgewirkt, die sich sehr gut verkaufen würden. Viele Fans, die als Kinder diese Reihen gehört hätten, würden sie jetzt für ihren Nachwuchs kaufen.

„Offenbarung 23“ sei dagegen wieder ein anderes Thema. Selbst der Autor Jan Gaspard meinte, wenn die Lizenzfrage zu „Professor van Dusen“ ein Alptraum sei, dann wäre die Rechteklärung zu „Offenbarung 23“ wohl die Hölle. Sebastian Probot nickte. 😉 Dennoch „sei man dran“ und hoffe weiterhin, dass man nächstes Jahr auch „Offenbarung 23“ wieder auf den Markt bringen könne. Das Hörspiel hatte damals für Aufsehen gesorgt, konnte aber von ihm – Jan Gaspard – nicht vollendet werden. Die Reihe sei auch nie als reines Hörspiel konzipiert gewesen: Vielmehr sollten Spiele, Film, Bücher, die nur zusammen mit dem Hörspiel funktionierten, das Universum von „Offenbarung 23“ erweitern. Natürlich hoffte man auch, über die zusätzlichen Medien auch das Interesse weiterer Käufer für das Hörspiel zu erregen.

Die Runde gab Jan Gaspard recht, dass der Hörspielmarkt noch immer jung ist. Selbst Hörspielklassiker, die man aus dem Radio kenne – so Harald Dzubilla – seinen schwer „an den Verlag“ zu bringen, da aus Verlagssicht sie ja „niemand kenne“. Wie denn auch, so Harald Dzubilla leicht frustriert, wenn sie vorher nicht auf dem Markt, sondern nur im Radio, bekannt waren.

Jedenfalls kann die Transmedialität von Hörspielen für den noch immer jungen Hörspielmarkt ein interessantes Marketinginstrument darstellen. Daneben machen dem  Hörspielmarkt – und den kleinen Labels – natürlich die illegalen Downloads und Tauschbörsen zu schaffen. Auch der Wiederverkauf bei Ebay durch Private, an denen die Rechteinhaber nicht partizipieren, wurde genannt.

Das Gespräch wurde auch weiterhin offen geführt:

Man dürfe aber nicht verkenne, so Sebastian Probod, dass durch illegale Downloads das Produkt verbreitet und auch das Label bekannt gemacht werde. Dies würde aber natürlich nicht bedeuten, dass er illegale Downloads gutheiße! Jan Gaspard stimmte zu: Zu Höchstzeiten seien auf 1 verkaufte CD „Offenbarung 23“ gut 200 illegale Downloads gekommen, was sowohl stolz mache, andererseits aber natürlich schädigend ist.

Harald Dzubilla rief engagiert in Erinnerung, dass man durch den illegale Download nicht nur das Label schädige, sondern alle, die an der Produktion mitgearbeitet haben incl. der Rechteinhaber. Ohne zusätzliche Jobs könne man von Hörspielen sowieso den Lebensunterhalt regelmäßig nicht bestreiten – und durch den Diebstahl geistigen Eigentums – nichts anderes seien illegale Downloads – würde hier noch mehr finanzieller Schaden angerichtet.

Rainer Clute hielt sich, angesprochen auf die weiteren Pläne, etwas bedeckt. Zwar sei er mit einer skandinavischen Sache beschäftigt, wolle aber erst abwarten, bis alles „in trockenen Tüchern“ ist. Harald Dzibulla arbeite u.a. an einer Wiederveröffentlichun von „Knall & Fall – Privatdetektive“ , er schreibe aber auch neue Sachen. Michael Koser erklärte, dass er für die Hörspielreihe um Professor van Dusen nicht mehr schreibe; es gäbe aber 6 Comicbücher (diese seien auch als App bei Itunes für das IPad etc. zu bekommen). Derzeit schreibe er an Kinderbüchern für seine Enkel. 😉 Jan Gaspard ist gleich mit mehreren Projekten beschäftigt: nexworld.TV, dann einer Dokumentation, einem historischen Roman und natürlich zusammen mit Sebastian Probot mit der Klärung der Rechtefragen zu „Offenbarung 23“. Außerdem seien er und Sebastian Probot mit der Entwicklung einer neuen Hörspiel-Serie beschäftigt, die in den Achtzigern spielen soll und hoffentlich das damalige Lebensgefühl durch Sound aufgreifen werde.

Und Sebastian Probot ist weiterhin mit der Schatzsuche nach „vergessenen“ Hörspielklassikern beschäftigt. Olaf van der Heydt empfahl, immer wieder mal bei Highscoremusic vorbeizuschauen. Auch er werde immer wieder überrascht, mit welchen neuen Dingen Sebastion Probot dort aufwarte 🙂

Workshop-Feeling: Wie entsteht ein Manga?

Wie ist das eigentlich, wenn man einen Manga schreiben will. Und nicht nur schreiben, sondern auch zeichnen. Unter der Moderation von Matthias Wieland berichteten die Autorin Anne Delseit und die Zeichnerin Martina Peters, deren gemeinsame Manga-Reihe „Lilientod“ bei Carlsen erscheint, am Freitag von ihrer Arbeit.

Die beiden Künstlerinnen, die mit diesem und weiteren Workshops regelmäßig unterwegs sind, führten professionell  mit Folien, Leinwandprojektion und Laserpointer durch die Präsentation.

Am Beginn stehe natürlich die Ideenfindung, egal ob man einen Manga oder einen Comic oder etwas anderes schreiben wolle. Anne Delseit empfahl aus eigener Erfahrung, wirklich jede Idee zu notieren und zu sammeln. Schließlich wäre es ja schade, wenn man sie vergessen würde. Aus der Idee wäre dann das Konzept zu entwickelt und zu recherchieren. Hierin stecke ein Großteil der schriftstellerischen Arbeit und Planung, da man im Konzept den Handlungsverlauf, die Charaktere und deren Entwicklung kreiere und niederlege. Auch welche Klischees man mit welchen Figuren in welchem Ausmaß man nutzen oder brechen wolle – gerade in Bezug auf Plotwendungen – fließe in das Konzept ein.

Wenn man den Manga einem Verlag anbietet – oder eine Auftragsarbeit abliefern soll -, müsse man dieses Konzept allerdings auf ein Exposé von wenigen Sätzen reduzieren. Außerdem ist es hilfreich, in einigen Sätzen Informationen zu den Charakterhintergründen zu skizzieren. Diese seien zwar im Kopf des Autors, der ja wissen, weshalb ein Charakter motiviert ist, etwas zu tun, aber diese Informationen erscheinen in Ausführlichkeit im Exposé und der Verlagsmitarbeiter könne ja nicht in den Autorenkopf schauen 😉

Stehe das Konzept, schreibe man die einzelnen Szenen. Wie ausführlich diese in Bezug auf die zeichnerische Umsetzung sind, müsse man sehen. Dies hänge vom Autor ab, zeichnet er selbst, kennt er den Zeichner oder hat dieser Vorlieben etc. Im Grunde könne man aber sagen, dass der Autor ein Drehbuch schreibe, ggf. mit Regieanweisungen und Charaktervorgaben.

Die Präsentation wurde dann von Martina Peters fortgesetzt, da sich jetzt die zeichnerische Arbeit anschließe. Wenn sie den Autorentext habe, erstelle sich zuerst gleichfalls eine Art zeichnerisches Konzept. In schnellen Skizzen, denn es ist ein erster grober Entwurf, werde zunächst das Seitenlayout entworfen: Wie sind die Panels anzuordnen, wie soll der Leser durch die Seite geführt werden, wo sind Kontrastfarben zu setzen und wo steht der Text? Aus Erfahrung empfehle sie, bereits jetzt in den Panels Platz für Sprechblasen zu reservieren. So müsse man später bei der Einzelbildgestaltung nicht wieder zum Seitenaufbau zurück, weil man auf einmal keinen Platz für den Text habe 😉

Diese Layout-Phase sei für den Zeichner mit am intensivsten und langwierigsten. Sie habe für sich festgestellt, dass für sie das kapitelweise Vorgehen gut funktioniere. Die Arbei sei so überschaubar und es könnten gut Pausen zwischen den Kapiteln eingelegt werden.

Erst im Anschluss würden detaillierte Einzelzeichnungen folgen.

Szene aus "Lilientod", Zeichnung Anne Delseit - Platzhalteraus „Lilientod“, Zeichnung Martina Peters

hier: Platzhalter für Text, Schwarzzeichnungen

Anhand von projezierten Einzelszenen führte Martina Peters aus, wie nach und nach die Doppelseiten gestaltet würden: Platzhalter für Sprechblasen und Kontraste in ausführlichen Zeichnungen, das Einfügen der Texte, Hintergründe und weitere grafische Gestaltung (Schatten, Rasterung etc.).

aus „Lilientod“, Zeichnung von Martina Peters, Text Anne Delseit

hier: Sprechblasen, Textumfang, Größe

Zwischendurch würde immer wieder die Abstimmung mit der Autor erfolgen. Als Zeichner mache man sich den Text zu eigen, setze ihn um, stimme dann seine Vorstellung mit dem Autor ab – und erst dann mit dem Redakteur.

aus „Lilientod“, Zeichnung von Martina Peters

hier: Platzhalter Sprechblasen, Hintergründe

Was die handwerkliche Arbeit anginge: Manche Zeichner bevorzugen Fineliner, andere Tusche für die Zeichnungen. Tusche habe sicherlich den Vorteil, dass während des Zeichnens durch Druckveränderung die Bilder in einem Schritt lebendiger werden. Andere bevorzugen einen gleichmäßigen Finelinerstrich, allerdings sei der Fineliner auch regelmäßig nicht lichtecht.

Sind die Skizzen im Rechner für die weitere Bearbeitung, sollte man nachfolgend auch die Vorteile des Blaudrucks nutzen. So könne man in blau die Zeichnungen „dünn“ ausdrucken, diese tuschen und dann – zwecks Versand an Autor oder Verlag – einscannen, ohne die Blauskizze radieren zu müssen. Denn beim Scannen des dann getuschten Bildes wird dieser Blaudruck vom Scanner nicht erfasst.

Natürlich konnte ein richtiger Workshop in der knappen Stunde nicht abgehalten werden. Viele Einzelfragen, wie zum Beispiel Storyentwicklung oder Fragen zur Rasterung,, Material- und PC-Programm-Nutzung, Graphictablets etc. sind im Detail außen vor geblieben.

Aber man erhielt einen interessanten Überblick über die Entstehung eines Manga und die beiden Künstlerinnen waren erkennbar mit Freude dabei. Und wer mehr ins Detail gehen will, kann ja ausführlichere Workshops, zum Beispiel von Anne Delseit und Martina Peters, besuchen …

Auf der Fantasy-Leseinsel: Kai Meyer

Auch Kai Meyer ist ein Stammgast der Buchmesse und wird von seinen zahlreichen Fans sehnsüchtig erwartet. Der Autor war gut gelaunt, nur etwas in Sorge, dass am Nachbarstand eine angekündigte Musikveranstaltung das Lesungserlebnis für das Publikum trüben könnte. Erfreulicherweise war dem aber nicht so.

Kai Meyer, der laut Programm eigentlich aus „Arkadien brennt“ lesen sollte, kündigte an, er lese aus dem erst im Herbst erscheinenden dritten Band der Reihe. Dieser Band sei fertig geschrieben und werde gerade lektoriert. Allerdings könne er aktuell keinen Titel nennen und auch nichts zum Cover sagen: Erst ab April darf er – Kai Meyer – Titel und Cover öffentlich machen.

So gab es also einen schönen Appetitanreger auf der Buchmesse:

Die von Kai Meyer ausgewählte Szene spielte in einem Zug. Rosa und Allessandro sind auf der Flucht vor dem Harpyen-Malandra-Clan und stecken in diesem Zug auf Sizilien fest. Als der Zug in einen Tunnel einfährt, wird er gestoppt und die Lampen gehen aus: Der Malandra-Clan ist da und bewegt sich gnadenlos und ohne Rücksicht auf menschliche Opfer durch den Zug. Die Lesung endete in dem Moment, als eine Harpye Rosas und Allessandros Waggon betritt 😉

Der dritte Band sei, wie er ausführte, ein schnelles Buch. Wäre es ein Film, würde man Roadmovie dazu sagen. Und es werde kräftig gestorben.  Da auch Kai Meyer ein Autor ist, der gerne mit seinen Lesern spricht, stellte er sich nach der Lesung den Fragen des Publikums.

Ein wenig zum Schmunzeln brachte ihn die regelmäßig wiederkehrende Frage, welches seiner Bücher sein eigenes Lieblingsbuch sei. Es sei durchaus so, dass ihm die ersten Bände seiner Reihen am Herzen lägen und aktuell die Arkadienreihe. Was die älteren Romane anginge, so habe er häufig bestimmte Personen oder Szenen weiterhin im Kopf, auch wenn er sich an Einzelheiten der Handlungen nicht immer erinnere. Dies bedeute also nicht, dass er seine älteren Sachen nicht möge. Er habe inzwischen allerdings schon gut 50 Bücher geschrieben und Details, gerade der früheren Geschichten, gingen dann schon mal verloren. In diesem Zusammenhang erwähnte Kai Meyer auch „Die Alchimistin“ und „Die Unsterbliche“, die offenbar auch ihm aktuell wieder sehr präsent sind. Das verwundert nicht: Beide Romane erscheinen demnächst in neuer Ausgabe, und zwar intensiv von ihm überarbeitet.

Es wurde deutlich: Kai Meyer ist ein produktiver Autor. Der dritte Arkadienband ist im Lektorat, die zwei Alchimistinnen-Bücher wurden überarbeitet und aktuell entwickelt er zwei neue Konzepte. Bei dem einen Projekt handele es sich um einen im Jugendbuchverlag erscheinenden Titel, bei dem anderen um einen „Erwachsenenroman“. Er stellte aber klar, dass auch dieses zweite Buch für Leser ab 13/14 Jahre geeignet sein werde, es erscheine nur nicht in einem expliziten Jugendbuchverlag.

Und es gab weitere Fragen:
Er sehe es nicht so, dass er weibliche Hauptcharaktere bevorzuge. Vielmehr sei in seinen Romanen auch mindestens ein starken männlichen Charakter mit eigener Vita enthalten. Inspiriert zum Schreiben wurde er durch Tolkien. Er wollte eigene Welten schaffen, aber nicht unbedingt Elfen. Von den „eigenen Welten“ habe er sich aber dann doch wieder abgewandt. Er siedele seine Geschichten lieber in unserer – wenn auch verfremdeten – Welt an. Als Beispiel nannte er das Venedig der Merle-Trilogie. Andere Autoren, die ihn in den 90er Jahren inspiriert hätten, wären Clive Barker und Neil Gaiman gewesen.

Es gab also jede Menge Informationen und einen Vorgeschmack auf den demnächst erscheinenden Arkadien-Band. Der sichtbar energiegeladene und gut aufgelegte Kai Meyer und seine interessierten Fans haben die halbe Stunde auf der Fantasy-Leseinsel wahrlich intensiv genutzt!

Alex Capus neuer Roman: „Léon und Louise“

Das 3sat-Forum war wieder gut besucht, als Alex Capus am Sonntag seinen neuen Roman „Léon und Louise“, erschienen im Hanser Verlag, präsentierte. Ein wenig Probleme gab es zu Beginn der Veranstaltung mit der Technik: Als weiter hinten stehender Besucher verstand man von dem einführenden Gespräch leider nur Passagen.

Der in Frankreich geborene und jetzt in der Schweiz lebende Autor beginnt sein neues Buch mit der Beerdigung des alten Léon und geht dann zurück, um dessen Geschichte zu erzählen. Léon sei lose an seinen eigenen Großvater angelehnt, wie Alex Capus anmerkte. Vermutlich ist damit die Charakterzeichnung gemeint und nicht die Geschichte von Alex Capus Großvater – was wegen der Technikprobleme eine Annahme bleibt 😉

Jedenfalls treffen Léon und Louise aufeinander, verlieben sich, werden aber durch den 1. Weltkrieg getrennt. Ihre Lebenswege laufen vollständig auseinander, Léon heiratet – und dann treffen sie sich in Paris wieder. Dabei wollte er – Capus – keine typische dramatische ménage à troi beschreiben, die es im französischen Film immer wieder gäbe. Ihm sei es um ein Miteinander der drei Personen gegangen, auch wenn der Titel nur auf die Liebesgeschichte von Léon und Louise schließen lasse.

Alex Capus lieferte auch zwei Kostproben aus seinem Roman. In der ersten Szene sucht der junge Léon Arbeit.  In der zweiten wird geschildert, wie ein  Lehrer nach seiner Pensionierung seinen Selbstmord durchführt. Dabei zeichneten sich beide Szenen, so ernsthaft ihre Thematik auch ist, durch einen leichten Ton aus. So besorgt der Lehrer den Sarg, stellt ihn in sein Wohnzimmer, bettet sich nach der Einnahme von Barbituraten selbst hinein, hat das Begräbnis bereits gezahlt und legt wortwörtlich etwas Schockgeld für die Haushälterin hin, die ihn am Morgen finden wird.

Die durch diese Textauswahl vermittelte Mischung aus erzählendem – aber nicht kühl und distanziert wirkenden – Bericht, Lebensnähe, Skurillität, Humor und Tragik machte Lust, sich sofort in das Buch „Leon und Louise“ zu vertiefen …

Lucky Luke, ACHDÉ und Klaus Jöken

Am Samstag ging es in Halle 2 auf dem Schwarzen Sofa um den neuen Lucky-Luke-Band 88 „Lucky Luke gegen Pinkerton“. Naja, ehrlich gesagt ging es um den französischen Künstler ACHDÉ, der die Comicserie zeichnerisch fortführt 🙂

Unterstützt von Klaus Jöken, der auch für die Übersetzung der Lucky-Luke- und Asterix-Bände verantwortlich ist, führte Klaus Schikowski das Gespäch mit dem äußerst gut gelaunten ACHDÉ und fragte gleich einmal nach, wie es denn zu der Zusammenarbeit mit Morris, dem Begründer der Lucky-Luke-Reihe, gekommen sei.

Morris war auf ACHDÉ aufmerksam geworden, als letzterer die Abenteuer von Rantanplan umsetzte. Morris holte ihn zu Lucky Luke, verstarb dann aber. ACHDÉ habe dann gedacht, dass sich die Arbeit an Lucky Luke für ihn leider erledigt habe. Überraschenderweise sei aber nach ca. 8 Monaten der Verleger auf ihn zugekommen: Morris habe die Weiterführung von Lucky Luke unter der zeichnerischen Federführung von ACHDÉ gewünscht. Er – ACHDÉ – sei hin und weg gewesen, weil sich für ihn ein Kindheitstraum erfüllt habe. Seine Ehefrau, erzählte er lachend, habe diese unglaubliche Neuigkeit mit „Ja gut, komm runter zum Essen“ kommentiert.

Auf Nachfrage erklärte ACHDÉ, dass es für ihn nicht wirklich ein Problem darstellte und darstellt, im Charakterdesign zu Lucky Luke „eingeschränkt“ zu sein. Er habe auch keine Schwierigkeiten, die Serie in Morris Stil fortzuführen.

Zum einen habe er zu Beginns seiner Karriere Zeichnungen in Morris Stil kreiert; diese Ähnlichkeit sei auch kritisiert worden. Er musste damals einen neuen Stil entwickeln – mit Lucky Luke würde er jetzt eigentlich nur zu seinen Wurzeln zurückkehren.

Zum anderen sei für ihn der Comic „an sich“ wichtiger, also die Kontinuität und der Wiedererkennenswert für den Leser. Er trete hier als Künstler freiwillig und weitgehend zurück. Die heutigen Comiczeichner würden das häufig anders sehen und handhaben, da sie das Eigene publiziert sehen wollen. ACHDÉ erwähnte in diesem Zusammenhang „Spirou“. Er sehe es so: Man habe früher den Comic „Lucky Luke“ gekauft, weil es „Lucky Luke“ war und nicht weil die Zeichnungen von Morris stammten. In diesem Sinne führe er den Comic fort. Der Übersetzer Klaus Jöken sieht und handhabt dies übrigens auch so.

ACHDÉ gab in diesem Zusammenhang noch eine Anekdote zum Besten: Bei einer Signierstunde in Kanada habe ihm eine ältere Frau ein Kompliment dahingehend gemacht, dass er sich „gut gehalten“ habe. Sie hatte gedacht, er sei Morris 🙂

Es wurde im Gespräch aber auch deutlich, dass sich der Comic sowohl storytechnisch, als auch zeichnerisch weiterentwickelt habe, wobei der Wiedererkennungswert aber nicht gelitten habe.

(Projektion auf Leinwand, Szene aus Lucky Luke, Zeichnung by ACHDÉ)

Während sich Morris früher zum Beispiel an John-Ford-Western, Sam Peckinpah, sogar ein ganz klein bißchen auch an den Spaghetti-Western von Sergio Leone orientierte, greife er auch auf Western der letzten Jahre zurück wie „Todeszug nach Yuma“ oder „Open Range“. Auch treibe er – ACHDÉ – zeichnerisch die Handlung stärker voran als es Morris tat.

Und auch vor Lucky Luke machen die Veränderungen erzähltechnisch nicht halt: In der Entstehungzeit des Comic wurde der strahlende Held präsentiert. Zuletzt war dieses auch ein Kritikpunkt gegenüber Morris, da Lucky Luke schlicht zu perfekt war. Heute sei Lucky Luke weiterhin ein Held, aber menschlich. Ihm passieren Missgeschicke, er wird im Pinkerton-Band sogar quasi in Frührente geschickt.

(Projektion auf Leinwand, Szene aus Lucky Luke, Zeichnung by ACHDÉ)

Beide, ACHDÉ und auch Klaus Jöken als Übersetzer, betonten außerdem, dass Lucky Luke nicht nur als Westernparodie angelegt ist, sondern auch als Comic für Kinder und Erwachsene. Dies bedeute für den Zeichner und den Texter/Übersetzer auch, dass der Comic immer vielschichtig sein müsse: Sowohl die Geschichte, als auch die Gags müssen für Kinder greifbar sein, ohne dass es für die Erwachsenen uninteressant würde. Für diese müsse auf anderer Ebene mehr enthalten sein (beim Pinkerton-Band z.B.  Rückschlüsse auf Überwachungsstaat etc.), ohne dass man die Kinder hierdurch „verliere“.

Er – ACHDÉ – schätze es im Übrigen sehr, wenn ihm von den Textern und Szeneristen Raum für eigene Entwicklungen gelassen werde. Als Beispiel führte der die Vorgabe des Szeneristen im Pinkterton-Band an: „Lucky Luke betritt das Detektivbüro, wo sich viele Leute befinden“

Die aufgrund dieser Vorgabe von ihm geschaffene Seite mit humorvollen und auch karikierenden Elementen werde in der Presse gegenüber den Autoren, wie ACHDÉ schmunzelnd sagte, immer wieder als positives Beispiel erwähnt.

(Projektion auf Leinwand, Szene aus Lucky Luke, Zeichnung by ACHDÉ)

(Projektion auf Leinwand, Szene aus Lucky Luke, Zeichnung by ACHDÉ)

Auf dem Blauen Sofa: die Autorin Margriet de Moor

Beate Westphal begrüßte die Niederländerin Margriet de Moor am Freitagmorgen auf dem Blauen Sofa des ZDF. Die Autorin von zum Beispiel „Die Kreutzersonate“ und „Der Virtouse“ spinnt die Geschichte ihres neuen Romans um ein reales Ereignis im Amsterdam des 17. Jahrhunderts: Ein unbekannter Maler zeichnet zwei Miniaturbilder des toten Mädchens Elsje. Der Roman erzählt die Geschichte dieses Mädchens und in diesem Zusammenhang auch von Malerei und Kunst.

Dorothea Westphal fragte, warum die Autorin den Maler nicht beim Namen nennt. Durch die Verwurzelung in der Realität, die beschriebenen Miniaturbilder und das Gemälde, an dem der Maler gerade arbeite, habe man auf Rembrandt geschlossen – was Margriet de Moor bestätigte. Sie habe aber bewusst den Namen nicht genannt, weil Rembrandt damals zur Zeit der Ereignisse „ein“ Maler von Vielen gewesen sei und nicht „der“ Maler, den wir heute in ihm sehen. Für sie stehe er damit symbolisch für alle Maler, ihre Konzentration auf ihr Schaffen, ihr Handwerk. So sprechen die Stadtbewohner von nichts anderem als dem Mord, den die junge Elsje verübt habe, während der Maler an Farben, Pinsel und seinen Auftrag denke.

Als Dorothea Westphal den Roman „Der Maler und das Mädchen“ als Buch über die Kunst bezeichnete, stimmte die Autorin nur bedingt zu. Zwar schildere sie auch das Handwerk, vorrangig wollte sie aber die Geschichte von Elsje erzählen.

Hier habe sie als Schriftstellerin das Glück gehabt, dass zwar der Prozess und die Figur real sind, jedoch die Begleitumstände, Elsjes Herkunft und ihre Motivation nicht bekannt sind. Sie konnte so ihre Geschichte „entdecken“. Außerdem wollte sie den Gegensatz und das letztliche das Zusammentreffen dieser zwei titelgebenden Personen thematisieren: die junge, am Anfang stehende Elsje mit ihren Hoffnungen und den alternden Maler, dessen Frau vor kurzem an der Pest verstorben war. Warum führten die Lebenswege dieser beiden Menschen letztlich zu einem „Treffen“?

„Der Maler war auf dem Weg, ein totes Mädchen nach dem Leben zu zeichnen“ (sinngemäßes Zitat aus dem Roman).

Es ist faszinierend, welche Vielschichtigkeit dieser eine Satz aufweist. „Nach dem Leben“ zu malen bedeutete damals ja „real“ zu zeichnen – während man aus dieser Formulierung auch lesen kann: die Verstorbene oder den Tod. Auch impliziere der Satz ja, dass das tote Mädchen durch die Zeichnung letztlich lebendig bleibt.

Frau Westphal und Frau de Moor plauderten noch weiter über den neuen Roman und seine Hintergründe. Und so interessant dies auch war – leider wurde so dem Publikum Grietjes Geschichte und der Grund, warum sie zur Mörderin wurde gleich mit offenbart. Auch warum der Maler sich entscheidet, das Mädchen zu malen blieb nicht außen vor.

So verließ man die Veranstaltung leider viel zu gut informiert und fragte sich, ob man „Der Maler und das Mädchen“ zumindest wegen der Details der Geschichte und der Sprachvirtousität der Autorin lesen möchte.

Lesung auf der Fantasy-Insel: Gerd Ruebenstrunk

Wer denkt nicht an die Jugendbuch-Trilogie um Arthur und die Vergessenen Bücher, wenn er den Namen Gerd Ruebenstrunk hört? Mit „Das Wörterbuch des Viktor Vau“ hat der Autor jetzt einen Roman für Erwachsene geschrieben und stellte ihn am Freitag auf der Buchmesse vor:

Protagonist ist der titelgebende ca. 50jährigen Linguist Viktor Vau, der beinahe autistische Eigenschaften an den Tag legt. Er ist  Einzelgänger, pedantisch und tut sich schwer mit Veränderungen. Routinen bestimmen Viktor Vaus Tagesabläufe. Hierdurch findet er die Ruhe und Konzentration, um in wissenschaftlicher Arbeit eine neue konkretere Sprache zu entwickeln. Dann aber landet eine unbekannte Raumkapsel mit einer codierten Botschaft vor der Küste eines afrikanischen Kleinstaates. Experten und Linguisten werden eingeflogen – und auch Viktor Vau wird angefordert. Er, der sogar den öffentlichen Nahverkehr meidet, muss sich auf die Reise begeben und gerät in ein Chaos durch Aktionen von Anarchisten, Geheimdiensten, Mördern …

Gerd Ruebenstrunk las selbst aus seinem neuen Roman: In der ersten Szene wurde dem Publikum der Protagonist vorgestellt. In der zweiten Passage ging es um einen Mörder und in dem dritten Ausschnitt um Agenten. Gerd Ruebenstrunks Vortrag war textsicher (natürlich) und durch Gesten, Mimik und verschiedene Stimmen auch lebendig. Gefühlsmäßig fehlte aber irgendwie das durch die letzten beiden Szenen angedeutete Bedrohliche.  Es ist denkbar, dass die erste gelesenen Szene hierfür verantwortlich war: Die textliche Vorstellung des Protagonisten zusammen mit einer gespielten Verbeugung, den Handbewegungen und der gewählten Stimmlage wirkte eher parodistisch…

Trotzdem machten die vom Autor vorgestellten Textpassagen neugierig auf das Buch. Sie lassen auf einen spannenden Roman für Erwachsene schließen, der sich mit der Sprache an sich beschäftigt und offenbar auch mit der Frage, ob man alle Entscheidungen nur aus wissenschaftlicher „kühler“ Sicht und ohne inneren emotionalen Rückhalt treffen sollte.