Archiv der Kategorie: Frankfurt 2010

Impressionen von der Frankfurter Buchmesse

In den verschiedenen Hallen auf dem Buchmessegelände konnte man nicht nur das Angebot der Verlage durchstöbern, sondern auch Gespräche mit anderen Besuchern, Autoren oder Verlagsmitarbeitern führen. Die Buchbranche des In- und Auslandes präsentierte sich und stellte vor:

Etablierte und junge Autoren, Illustratoren, Übersetzer, Comic-Künstler und Hörbuch-Sprecher fanden ebenso ein Forum wie die Publikationsindustrie, der (Papier-)Buchdruck, der Ebook-Markt (incl. Reader), digitale Medien, Schulen (incl. Schulungsgespräche), die Bibliothekare, Buchhändler (incl. Nonbook-Artikel) und diverse Vereinigungen wie z.B. die Weltlesebühne oder der Bun­des­ver­band Alpha­be­ti­sie­rung.

Es wurden diverse Preise verliehen – von dem in Bezug auf die Buchmesse etwas abwegigen Barbecue-Award über den Preis für den kuriosesten Buchtitel, das Auditorix Hörbuchsiegel, die Übersetzerbarke und den Paul-Celan-Preis und viele weitere mehr bis zum Deutschen Buchpreis.

Man konnte an Konferenzen teilnehmen, Lesungen und Hörfunkproduktionen lauschen oder als Cosplayer Spaß haben. Es gab Signierstunden, Interviewtermine, Debatten und Vorträge sowie die Möglichkeit, Buchverfilmungen zu sehen und nachfolgend z.B. mit dem Autor zu sprechen.

Argentinien als diesjähriges Gastland wurde nicht nur im argentinischen Pavillon und in weiteren (Foto-)Ausstellungen vorgestellt, sondern natürlich durch seine Literaturszene, die Autoren und Comic-Künstler, durch Blicke in und Gespräche über ihre Werke sowie deren kulturelle und gesellschaftliche Hintergründe.

Frankfurter Buchmesse 2010

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aussenmessegelaende.jpg Messe Aussenbereich2.jpg argentinien.jpg Denis-Scheck-und-Petra-Resk.jpg HoCa.jpg Gepraechsrunde Richard David Precht und Prof. Dr. Thomas Metzinger.jpg bastei-luebbe.jpg 3satbuchzeit Ariel Magnus.jpg droemer.jpg Knesebeck.jpg Gespraech mit dem Comic-Künstler Stéphane Heuet zu Proust.jpg aus Heuets Arbeiten zur Proust-Umsetzung1.jpg aus Heuets Arbeiten zur Proust-Umsetzung2.jpg aus Heuets Arbeiten zur Proust-Umsetzung3.jpg aus Heuets Arbeiten zur Proust-Umsetzung4.jpg comic.jpg tokyopop.jpg kindercomic-ecke.jpg comic-center.jpg player.jpg carlsen.jpg Messe-Aussenbereich3.jpg Thomas-Thiemeyer-BL.jpg Lesung und Gespraech zum Buch Die Hassliste.jpg egmont.jpg Gespraech - Tabuthemen in Jugendliteratur.jpg Loewe.jpg Das-Maerchen-von-der-Welt.jpg Vortrag tuerkische-Kinderliteratur.jpg taschen.jpg Kriminalliteratur-Woertche-.jpg ulstein.jpg Gesprächsrunde zu Übersetzung des Buches Laessliche Todsuenden.jpg Piper.jpg Gespräch mit M. Kleeberg.jpg diogenes.jpg Gespraechsrunde zu Muhammad Iqbal.jpg Messehallen2.jpg Weltlesebuehne.jpg Messehallen1.jpg Donata Kinzelbach liest Abdelhak Serhane.jpg Messehallen3.jpg Hoerbuch-Hamburg.jpg Hoerverlag.jpg nonbook1.jpg nonbook2.jpg Blick-aufs-Lesezelt-BL.jpg Ingrid-Noll-BL.jpg Kai-Meyer-und-Andreas-Froeh.jpg Lesezelt-von-innen-BL.jpg Wilhelm-Schmid-BL.jpg Messe-Aussengelaende-BL.jpg
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Muhammad Iqbal in Ost und West

In Deutschland ist der muslimische Dichter und Philosoph Muhammad Iqbal nur einem kleineren Kreis bekannt. Das Südasien-Institut der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg wollte am Freitag auf der Frankfurter Buchmesse den indischstämmigen Muhammad Iqbal dem deutschen Publikum weiter vorstellen und gewährte einen kleinen Einblick in seine Arbeit und Denkweise. Leider war jedoch auch diese Veranstaltung nur von einer ausgewählten, hauptsächlich fremdsprachigen, Zuhörerschaft besucht, so dass sie auch in englischer Sprache stattfand.

Muhammad Iqbal (1877 – 1938) machte zunächst in Lahore (damals noch British-India, heute Pakistan) seinen Master of Arts in Philosophie. Von 1905-1907 studierte er in Cambridge, München und Heidelberg Rechtswissenschaften und Philosophie und promovierte an der Universität München in Philosophie. Für das Studium in Deutschland war er gezwungen, die deutsche Sprache zu erlernen und so kam er mit den Werken Hegels, Kants und Goethes im Original in Kontakt.

Die Jahre im „Abendland“ bildeten die Basis für Iqbals spätere philosophische, politische und auch lyrische Arbeiten. Wenngleich er die Europäer als Ausbeuter der Muslime betrachtete und anprangerte, war er doch von Grundzügen der westlichen Philosophie beeindruckt und insbesondere Goethes Werken. Muhammad Iqbal beschäftigte sich intensiv mit der westlichen Philosophie und Kultur und entwickelte hieraus einen neuen Blick auf die eigene östliche Lebenskultur und den Islam, in die er ein höheres Sendungsbewusstsein einbringen wollte, eine stärkere Solidarität zwischen den Muslimen.

Wie auf der Veranstaltung betont wurde, war Iqbal nicht so sehr an der Poesie interessiert gewesen, obwohl er die Werke Goethes überaus schätzte und den Dichter selbst immer wieder lobte. Insbesondere Goethes „Ost-westlicher Diwan“, in welchem der Dichter die westliche und östliche Lyrik als gleichwertig betrachtet und in dem das lyrische Ich dennoch Distanz zur christlichen und muslimischen orthodoxen Lehre wahrt, und dessen „Faust“ mit dem suchenden, sich selbst verwirklichenden Geist inspirierten Muhammad Iqbal. So entwickelte Iqbal im Grunde eine lyrische Sprache, um über die Poesie Muslime verschiedener Länder zu erreichen und seine Philosophien und Ideen zu transportieren, die auf Individualität und Selbstverwirklichung nicht nur einzelner Muslime, sondern muslimischer Völker – es existierte immer noch die Kolonialherrschaft – insgesamt gerichtet waren.

Wie in Iqbals philosophischer Arbeit finden sich auch in seiner Lyrik die Einflüsse des Abendlandes. So stellte er den Verstand als Bild der westlichen Philosophie und Dichtung (Erkenntnis) der Liebe als Bild der östlichen Lebensweise und Lyrik (Moral) nicht nur gegenüber, sondern war bemüht, beide philosophischen Ausgangspunkte zu vereinen und – basierend auf der islamischen Tradition – den Islam zu modernisieren. Noch heute gilt Muhammad Iqbal in Südasien als islamischer Philosoph der Neuzeit, Dichter und Gründervater Pakistans.

Kai Meyer und Andreas Fröhlich mit „Arkadien brennt“ im Lesezelt

Am Freitag stellte Kai Meyer den zweiten Band seiner „Arkadien“-Reihe im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse vor. Unterstützung erhielt er dabei von dem Sprecher Andreas Fröhlich, der die Hörbuchversion von „Arkadien brennt“ eingelesen hat. Nach einer kurzen Vorstellung der Vorgänge im ersten Teil „Arkadien erwacht“ und der Hauptfiguren, Rosa Alcantara und Alessandro Carnevare, geht Kai Meyer auf die Handlung des aktuellen Bandes ein.

Rosa und Alessandro sind nach den Ereignissen in „Arkadien brennt“ mit gerade mal 18 Jahren die Oberhäupter ihrer jeweiligen Mafia-Familien. Während Alessandro sich jahrelang auf diese Verantwortung vorbereitet hatte, hat Rosa keine Ahnung vom Geschäft – und mit jedem Tag ist sie frustrierter, weil sie eigentlich nichts mit den kriminellen Machenschaften ihrer Organisation zu tun haben will. Außerdem muss sie immer noch das Versprechen einlösen, das sie ihrer sterbenden Schwester Zoe gegeben hatte, und wieder zurück nach New York reisen, um mehr über eine eventuelle Verbindung ihres Vaters zu der geheimnisvollen Organisation „Tabula“ herauszufinden.

So begann Kai Meyer die Lesung mit einer amüsanten Passage, in der sich Rosa und Alessandro am Flughafen verabschieden, wobei die beiden nicht wenige Probleme haben, ihre gestaltwandlerischen Fähigkeiten bei all dem Abschiedsschmerz im Zaum zu halten. Nach einer kurzen Überleitung führte Andreas Fröhlich die Lesung mit einer Szene in New York fort. Nach ihrer Ankunft in New York war Rosa auf den amerikanischen Zweig von Alessandros Clan gestoßen und wird nun in der von dem Profi gelesenen Passage von einem ganzen Rudel Raubkatzen durch den nächtlichen Central Park gejagt. Die gewählten Textstellen boten dem Publikum einen schönen Einblick in die in „Arkadien brennt“ zu erwartenden Geschehnisse. Rosas Charakter und die Herausforderungen, denen sie sich in New York stellen muss, versprechen eine unterhaltsame und spannende Geschichte – ein Eindruck, der durch Andreas Fröhlichs gelungen Vortrag nur bestärkt wird.

Gegen Ende der Lesung tauschten sich der Autor und der Sprecher noch über ihre jeweiligen Arbeitsweisen aus. So erzählte Kai Meyer, dass er jeden Roman vor dem eigentlichen Schreiben komplett durchkonzipiert und für dieses Exposé (inklusive Recherche) ebensoviel Zeit aufwendet wie für das eigentliche Ausformulieren der Geschichte. Auch war es für ihn nicht ganz einfach, eine Liebesgeschichte wie die von Rosa und Alessandro zu schreiben, da die beiden in den ersten beiden Bänden doch recht wenig Zeit miteinander verbringen. Das allerdings wird sich im Abschlussband ändern, denn den hat der Autor (wie er bei dieser Gelegenheit verriet) eher wie ein „Road Movie“ konzipiert – und so werden die beiden Hauptfiguren sehr viel zusammen unterwegs sein und einiges miteinander erleben.

Auf eine Frage von Andreas Fröhlich meinte Kai Meyer noch, dass er sich von allen möglichen Medien inspirieren lässt und es genießt, zum Beispiel Filme zu analysieren, um herauszufinden, was ihn daran so fasziniert hat. Und er gab auch zu, dass er bei jedem seiner Bücher im Nachhinein Stellen findet, die er noch überarbeiten würde, wenn er könnte – und so nimmt er sich auch die Freiheit heraus, einen Text für eine Lesung so zu verändern, dass er sich gut lesen lässt. Im Gegenzug lässt sich Kai Meyer noch eine Frage von Andreas Fröhlich beantworten, und so erfährt das Publikum, dass professionelle Hörspielstudios fremdsprachige Begriffe von Muttersprachlern einsprechen lassen. Der Sprecher bekommt diese Tonbeispiele bei der Lesung über Kopfhörer eingespielt und spricht dann das fremde Wort nach. Letztendlich hat diese Lesung dem – vorwiegend jungen und weiblichen – Publikum nicht nur große Lust auf den zweiten „Arkadien“-Band gemacht, sondern ihm auch einen kleinen, interessanten Einblick in die Arbeit von Autor und Hörbuchsprecher gewährt.

Thomas Thiemeyer und „Der Palast des Poseidon“

Am Freitag stellte Thomas Thiemeyer im Kinder- und Jugendbuchforum der Frankfurter Buchmesse den zweiten Band seiner Reihe „Die Chroniken der Weltensucher“ vor. Nach einer kurzen Einführung, bei der das Publikum die Charaktere des ersten Bandes („Die Stadt der Regenfresser“) kennenlernte und grob erfuhr, worum sich die Geschichte in diesem Roman gedreht hatte, ging es dann los mit dem aktuellen Buch.

„Der Palast des Poseidon“ beginnt – wie schon „Die Stadt der Regenfresser“ – mit einem abenteuerlichen Prolog. Man verfolgt, wie Kapitän Vogiatzis auf dem Mittelmeer mit seinem Dampfschiff inmitten eines Sturms versucht, einen Richtungshinweis zu finden. Gerade als er einen Leuchtturm erblickt, muss er feststellen, dass mehr als eine Positionslampe am Horizont aufleuchten – und kurz darauf wird sein Schiff „Kornelia“ von monströsen Fangarmen in die Tiefe gerissen.

Abwechselnd erzählend und lesend, berichtet Thomas Thiemeyer, wie der Forscher Carl Friedrich von Humboldt und sein Assistent Oskar in die rätselhaften Ereignisse, die zum Verschwinden einiger Schiffe geführt haben, verwickelt werden. Obwohl der Autor in den actionreichen Passagen ein deutlich langsameres Tempo hält, als es ein professioneller Sprecher tun würde, liest Thomas Thiemeyer sehr mitreißend. Doch seine Stärke liegt vor allem in den eher langsamen Passagen, in denen er – zum Teil auch mit Akzent – den Figuren Lebendigkeit verleiht.

Carl Friedrich von Humboldt, der sich am Ende des ersten Bandes der Reihe um „Die Chroniken der Weltensucher“ von der Universität verabschiedete, ist inzwischen als Ermittler im Bereich „phantastischer Phänomene“ unterwegs. Um das Rätsel der verschwundenen Schiffe aufzuklären, muss er zusammen mit Oskar, dem Erfinder Hippolite Rimbault und dessen Tochter Océanne in einer Tauchglocke in die Tiefen des Mittelmeers vordringen.

Zum Abschluss seiner Lesung zeigt der Autor nicht nur das (von ihm selbst gemalte) Originalbild für das Cover, sondern gibt auch noch ein paar Informationen über den nächsten Band dieser Serie preis, und so erfährt das Publikum, dass Oskar zusammen mit Humboldt und den anderen nach Westafrika reisen wird, um sich mit dem Volk der Dogon auseinanderzusetzen. Selbst bei diesen wenigen Andeutungen wird deutlich, wie sehr Thomas Thiemeyer von diesem Volk fasziniert ist, welches schon vor langer Zeit von Sternbildern wusste, die in Europa erst in der modernen Zeit mit hochentwickelter Technik entdeckt werden konnten. Bei so viel Begeisterung für das Thema wird wohl auch der dritte Band wieder spannend werden.

Ingrid Noll mit „Ehrenwort“ im Lesezelt

Im August dieses Jahres erschien Ingrid Nolls fünfzehnter Roman „Ehrenwort“, aus dem die Autorin am Freitag im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse las. Nach einer kurzen Einleitung, bei der Ingrid Noll ein wenig darüber erzählte, wie sie überhaupt zum Schreiben gekommen war, wie es war, ihren 75. Geburtstag zu feiern, und dass sie Geschichten über die Dinge schreibt, die innerhalb einer Familie gern unter den Teppich gekehrt werden, begann die Autorin mit der Lesung.

Dabei fing Ingrid Noll mit dem Anfang von „Ehrenwort“ an und zog das Publikum, welches aus Zuhörern jeder Altersklasse bestand, schnell in ihren Bann. Schon nach wenigen Sätzen hatte man eine Vorstellung von Max, der sich regelmäßig um seinen 90jährigen Großvater Willy kümmert, da ihm dies nicht nur von seiner Mutter aufgetragen wurden, sondern auch regelmäßiges Taschengeld verspricht. Bald hatte man das Gefühl, Willy und seine – inzwischen verstorbene – Frau Ilse zu kennen, stellte fest, dass Willys Sohn Harald so gar nicht mit seinem Vater zurechtkommt und dass Willys Schwiegertochter pflichtbewusst genug ist, um sich Gedanken um den alten Herrn und seine Versorgung zu machen. Nicht nur der trockene Humor, der schon zu Beginn von „Ehrenwort“ durchschimmert und für einige Lacher sorgte, sondern auch die Lebhaftigkeit und die Begeisterung, mit der die Autorin ihren eigenen Text vortrug, zog das Publikum mit.

Der Roman handelt von einer ganz normalen Familie, die nach einem Sturz des Großvaters beschließt, diesen bei sich aufzunehmen. Dabei will eigentlich niemand den alten Mann im Haus haben, aber da er nicht mehr lange zu leben hat, wäre es fast noch umständlicher, wenn man Willy zwischenzeitlich in einem Altersheim unterbringen müsste. Doch aufgrund der guten Pflege durch den Enkel Max erholt sich der Großvater entgegen der Prognose des Arztes – und so sucht sein Sohn Harald einen direkteren Weg, um den lästigen Vater loszuwerden.

Dabei beruht „Ehrenwort“ auf sehr persönlichen Erfahrungen von Ingrid Noll, die ihre eigene Mutter sechzehn Jahre lang bei sich wohnen und bis zu ihrem Tod gepflegt hat. Bei dieser Information fügte die Autorin aber schnell noch hinzu, dass die Figur des Willy Knobel als Gegencharakter zu ihrer eigenen Mutter zu sehen sei, die eine Dame der alten Schule war. Aber durch die Pflege ihrer Mutter konnte Ingrid Noll bei der Beschreibung der Veränderungen, die der Einzug von Willy und die regelmäßige Präsenz von Pflegepersonal seiner Familie bringt, aus eigener Erfahrung schöpfen.

Gewiss ging nach diesem amüsanten Einblick in die Geschichte kaum einer der Zuschauer aus dem Lesezelt, ohne den Vorsatz zu fassen, demnächst einen gründlichen Blick in „Ehrenwort“ zu werfen. Gerade die Alltäglichkeit der Geschichte lässt einen die genaue – und etwas boshaft gefärbte – Beobachtungsgabe der Autorin genießen.

Warum in argentinischen Kriminalromanen nicht Polizisten die Helden sind

Nachdem am Mittwoch auf der Buchmesse bei der Programmreihe „Krimi am Mittag“ „Sagenhafte Morde – Mythen und Realien des Islandkrimis“ Thema war, ging es am Donnerstag um „Kriminalliteratur ist richtige Literatur – nicht nur in Argentinien“. Auch diese Veranstaltung fand unter der Moderation von Thomas Wörtche statt und bot dem Zuschauer die Möglichkeit, ein Gespräch zwischen den beiden Autoren Friedrich Ani und Raúl Argemí zu verfolgen. Dabei ging es allerdings weniger darum zu belegen, dass Kriminalliteratur „richtige Literatur“ ist, als um einen Austausch über den Unterschied zwischen deutschen und argentinischen Krimis, der Verbindung zwischen politischen/gesellschaftlichen Ereignissen und der Kriminalliteratur sowie um das Schreiben von Jugendbüchern – ein Bereich, in dem beide Autoren ebenfalls tätig sind.

Doch erst einmal wurden die beiden Autoren dem Publikum vorgestellt: Raúl Argemí ist ein argentinischer Schriftsteller, der während der Militärdiktatur von 1974 bis 1984 im Gefängnis saß. Nach dieser Zeit arbeitete er als Journalist in Patagonien und schrieb zeitgleich an seinen ersten Kriminalromanen. Doch erst 1996 veröffentlichte Raúl Argemí seinen Debütroman in Argentinien. Vier Jahre später zog er nach Spanien, da dort der Markt für seine Bücher deutlich größer ist. So ist es ihm in Europa immerhin auch möglich, seine kritischeren Romane zu veröffentlichen, während nur die weniger verfänglichen Titel den Sprung auf den argentinischen Markt schaffen. Bislang wurden zwei Titel („Chamäleon Cacho“ und „Und der Engel spielt dein Lied“) von Raúl Argemí vom Unionsverlag in Deutschland veröffentlicht.

Friedrich Ani hingegen hatte sich anfangs vor allem auf lyrische Werke konzentriert, um sich dann in verschiedenen Prosabereichen auszuprobieren. Der Autor, der auch Drehbücher für Serien wie „Tatort“ und „Rosa Roth“ schreibt, wurde vor allem für seine drei Krimireihen rund um die Ermittler Tabor Süden, Polonius Fischer und Jonas Vogel bekannt. Dabei konzentriert sich Friedrich Ani in seiner aktuellen Reihe rund um den blinden Ex-Polizisten Jürgen Vogel darauf, die Elemente einer Familiengeschichte mit denen eines Krimis zu vermischen. Beide Autoren schreiben neben den Kriminalromanen auch Jugendliteratur und vor allem Raúl Argemí betont die Verbindung zwischen diesen beiden Sparten, die seiner Meinung nach auch schon im klassischen Märchen (Hänsel und Gretel werden aufgrund der Armut ihrer Eltern ausgesetzt und ermorden am Ende der Geschichte ihrer Peinigerin) erkennbar ist.

Sowohl Friedrich Ani als auch Raúl Argemí sind sich einig, dass ein guter Krimi auch immer politische und gesellschaftskritische Literatur ist. Interessant ist dabei Argemís Einwand, dass in Argentinien Krimis eher Volksliteratur sind und an klassische Banditengeschichte (vergleichbar mit „Robin Hood“) erinnern. Einen Polizisten als heldenhafte Hauptfigur eines Kriminalromans zu verwenden, ist in diesem Land undenkbar, und so stehen auch bei Raúl Argemí Privatpersonen im Vordergrund der Handlung. Für die Argentinier – so Raúl Argemí – gehört die Polizei zu denen, die auf der Seite der Mächtigen stehen. Man kann Polizisten nicht vertrauen und muss eher davon ausgehen, dass der Kontakt mit der Polizei einen in Gefahr bringt. In diesem Zusammenhang erzählt der Autor, dass es nach seinem Umzug nach Spanien sieben Jahre gedauert hat, bis er sich erstmals traute, auf der Straße einmal einen Polizisten anzusprechen. Obwohl er inzwischen auch privat einige spanische Ordnungshüter kennengelernt hat, ist es für ihn immer noch unfassbar, dass ein gebildeter und nicht korrupter Mensch freiwillig für ein solches Staatsorgan arbeitet – und dabei auch noch auf der Seite der „Guten“ stehen kann.

Friedrich Ani hingegen bemerkt, dass gerade in deutschen Kriminalromanen nicht nur die Figur des Polizisten häufig in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt, sondern auch – ebenso wie die Polizei an sich – gern etwas glorifiziert wird. Er selbst bemühe sich, seine Ermittler ebenso wie die Polizei realistisch darzustellen, was bedeutet, dass er sich mit allen Facetten einer solchen Organisation auseinandersetzen muss. Für Raúl Argemí ist der Krimi die Literatur des 21. Jahrhunderts. In einer Welt, in der die Menschen jeden Tag von Politikern, Konzernen und Medien beeinflusst und betrogen werden, braucht es Romane, die sich mit den dunklen Seiten dieser Gesellschaft beschäftigen und dem Leser – wenn auch vielleicht nur innerhalb der Geschichte – eine gerechte Lösung präsentieren.

„Die Hassliste“ von und mit Jennifer Brown

Am Freitag war die amerikanische Autorin Jennifer Brown zu Gast auf der Buchmesse und stellte dort ihr aktuelles Buch „The Hate List“ vor, welches in Deutschland unter dem Titel „Die Hassliste“ bei dtv erschienen ist. Die Übersetzerin des Buches Beate Schäfer und die Schauspielerin Anna Carlsson, die den Roman in der Hörbuchfassung eingelesen hat, nahmen ebenfalls an der Veranstaltung teil.

In „Die Hassliste“ erzählt die 16jährige Valerie davon, wie ihr Freund Nick in der Schul-Cafeteria das Feuer auf seine Mitschüler eröffnet. Er tötet dabei sechs Menschen und verletzt zahllose andere. Valerie selbst wirft sich vor eine Schülerin und wird dabei schwer getroffen. Doch hinterher wird sie keinesfalls als Heldin betrachtet, sondern als Mittäterin. Gemeinsam mit Nick hatte sie die Hassliste geführt, auf der die Namen aller Opfer standen. Für Valerie war es ein Spiel gewesen, aber für Nick offenbar nicht.

Jennifer Brown las selbst – auf englisch und betont – einen Szene aus dem Buch. Die späteren Passagen wurden von Anna Carlsson, engagiert und kraftvoll auf deutsch vorgetragen. In der gut besuchten Veranstaltung konnte das Publikum einen hervorragenden Eindruck von der jugendlichen Sprache des Romans bekommen und zugleich eine Vorstellung, wie der Text in der Hörbuchfassung klingen wird. Zwischendurch gab es immer wieder Gespräche zwischen Jennifer Brown, Beate Schäfer und Anna Carlsson.

Während der Übersetzungsarbeit habe sie sich, so Beate Schäffer, z. B. gefragt, ob Jennifer Brown oder eine ihre nahestehende Person einen Amoklauf miterlebt habe. Die geschilderten Szenen und Emotionen seien ihr sehr nahe gegangen, was Anna Carlsson übrigens auch bestätigte.

Die Autorin verneinte insofern einen autobiografischen Bezug. Allerdings seien Amokläufe tragischerweise immer wieder Teil des schulischen Lebens. Sie habe hier auf der Leserreise auch in Schulen gelesen und es habe sie verwundert, dass z. B. die Schüler nicht so offen über Mobbing sprechen würden. In den Staaten habe sie bei Lesungen erlebt, dass die Schüler viel eher und freier über dieses Thema sprechen, was allerdings auch daran liegen könne, das man dort aktiv in die Klasse ginge und Gespräche führe. Sie sei fand es auch überraschend, wie viel einfacher der Zutritt zur Schule in Deutschland erfolge: Diese werden offenbar nach Beginn des Schulbetriebes nicht abgeschlossen, es gäbe keine Metalldetektoren oder man würde auch nicht aufgefordert, die Tasche abzugeben.

Als Mutter müsse sie mit dieser Realität leben und die hiermit verbundenen Ängste seien in den Roman eingeflossen. Ein guter Teil von ihr selbst stecke allerdings in Valerie, da sie ihre eigenen Mobbing-Erlebnisse und Erfahrungen verarbeitet habe. Jennifer Brown stellte auch klar, dass sie wie viele andere keine endgültige Erklärung dafür liefern könne, weshalb ein Mensch zum Amokläufer werde. Auch in ihrem Roman werde dieser Punkt bewusst nicht erklärt. Man könne aus ihrer Sicht die Schuld nicht nur auf die Nutzung gewalttätiger Spiele schieben oder den Drogenkonsum oder darauf, dass Menschen gemobbt werden und sich so gerade bei Schülern ein emotionaler Druck, verstärkt durch Hormone in der Pubertät, aufbaue. Das Zusammenspiel und die Gewichtung der verschiedenen sozialen Komponenten würden Wirkung auf die jeweilige Persönlichkeit entfalte; nicht jedes „Opfer“ würde zum „Täter“.

Angesichts der tragische Aktualität auch in Deutschland klingt beim Publikum nach, ob nicht auch hier – wie in den Staaten – die Gespräche über Mobbing und das psychologische Angebot direkt in die Klasse und in den regulären Unterricht getragen werden sollten, um Schüler und Lehrkräfte nicht nur für dieses Thema weiter zu sensibilisieren, sondern auch die Gesprächsbereitschaft zu fördern.

Das Märchen von der Welt

Am Donnerstag gab es auf der Buchmesse eine Podiumsdiskussion mit dem Autor Jürg Amann und der Illustratorin Käthi Bhend. Diese drehte sich um das Bilderbuch „Das Märchen von der Welt“, bei dem die Illustratorin versuchte, mit ihren Bildern bewusst gegen den sehr düsteren Text des Autors zu arbeiten.

Die Geschichte „Das Märchen von der Welt“ basiert auf einem Textfragment aus Georg Büchners „Woyzeck“, welches von Jürg Amann neu umgesetzt wurde. Bei Büchners „Woyzeck“ gibt es eine Szene, in der eine Großmutter ein sehr düsteres Märchen von einem einsamen Kind erzählt, welches die Erde verlässt und im Himmel auf einen Mond aus faulendem Holz und andere tote Planeten trifft. Jürg Amann, der schon während seines Germanistikstudiums enttäuscht davon war, dass alle Märchen immer glücklich enden und nie erwähnt wird, was mit den scheiternden Geschwistern der Märchenhelden geschieht, war von dieser untypischen Variante fasziniert.

Für die Anthologie „Oder die Entdeckung der Welt“, die 1997 von dem Verleger Hans-Joachim Gelberg herausgegeben wurde, hatte Jürg Amann den Originaltext von Georg Büchner als Basis für eine kurze Geschichte genommen. Doch den Vorschlag des Autors, dies auch noch als Ausgangspunkt für ein Kinderbuch zu nutzen, lehnte der Verleger ab, da die Handlung für sich allein zu düster für ein solches Buch sei. Erst die Idee, ein Bilderbuch daraus zu machen, bei dem die Illustrationen dem Text seinen Schwermut nehmen sollten, führte letztendlich zur Realisierung des Projekts. So stand von vornherein fest, dass die Illustratorin Käthi Bhend mit ihren Bildern gegen den Text von Jürg Amann arbeiten musste.

Georg Büchners Text wurde von Jürg Amann umformuliert und erweitert. Stand im Original von Büchner zum Beispiel, dass das Kind bei seiner Reise zum Mond nur ein Stück verfaultes Holz vorfand, bietet Jürg Amann dem Leser nun zwei weitere Alternativen, um spielerischer mit den düsteren Aussage des Textes umzugehen und die Perspektive des Betrachters zu verändern. Diese Variationen nutzt die Künstlerin, um die Aussage des Märchens abzumildern. Ebenso sorgt sie in ihren Bildern mit kleinen Details, die dem Text regelrecht widersprechen, dafür, dass der Geschichte über das von allen verlassene Kind ein wenig die beängstigende Wirkung genommen wird.

So haben die von Jürg Amann beschriebenen „toten Planeten“ auf den Darstellungen von Käthi Bhend Gesichter mit geschlossenen Augen und wirken so beinah, als ob sie schlafen würden. Auch sieht man auf jeder einzelnen Seite eine Schnur, die das Kind mit der Erde verbindet und als Rettungsleine in der verlorenen Welt dient. Ganz zum Schluss wird – allein durch das letzte Bild – die Interpretation nahegelegt, dass diese traurige Geschichte womöglich nicht mehr ist als ein Traum, den das Kind gewiss vergessen wird, sobald seine Eltern es trösten.

Die Wechselwirkung zwischen Geschichte und Text – und vor allem diese bewusste Gegensätzlichkeit zwischen diesen beiden Aspekten des Bilderbuchs – machen „Das Märchen von der Welt“ zu einem (zumindest für Erwachsene) reizvollen und interessanten Werk. Auch wurde bei der Diskussion mit Jürg Amann und Käthi Bhend deutlich, wie spannend für den Autor und die Illustratorin diese ungewöhnliche Arbeitsweise war, bei der die beiden quasi konträre Ziele verfolgten.

Auf die Frage, warum es Jürg Amann so wichtig war, dass diese bedrückende Geschichte überhaupt veröffentlicht wurde, betonte der Autor, dass es ihm darauf ankam, dass Kinder auch mit der dunklen Seite der Realität konfrontiert werden. Er habe selbst die Erfahrung gemacht, dass eine vorsichtige Konfrontation mit den Schattenseiten des Lebens ein Kind eher stärken, statt ihm Angst vor dem Tod oder ähnlichem einzujagen. Er ist sich sicher, dass die Vermeidung solcher Themen auf die Vorstellung der Erwachsenen, was einem Kind zuzumuten sei, zurückzuführen ist und nicht darauf, dass Kinder mit solchen Wahrheiten nicht umgehen können.

Beim Betrachten dieses Titels stellt sich allerdings die Frage, wie sehr ein solches Bilderbuch Kinder überhaupt reizen würde. Die Illustrationen von Käthi Bhend sind sehr großflächig, wirken aber auf den ersten Blick nicht besonders kindgerecht. Und um die vielen liebevollen Details wahrzunehmen, muss man sich schon aufmerksam mit den einzelnen Darstellungen beschäftigen. So liegt die Vermutung nahe, dass „Das Märchen von der Welt“ von Kindern erst durch die Ermutigung von Erwachsenen beachtet wird. Dies ist auch sinnvoll, da sie angesichts der doch recht abstrakten Texte und Illustrationen vermutlich Erläuterungen benötigen werden.

Donata Kinzelbach liest Abdelhak Serhane

In dem auf Belletristik aus dem Maghreb (Nordwestafrika) spezialisierten Donata Kinzelbach Verlag wurde Mitte dieses Jahres der Roman „Der Mann aus den Bergen“ von Abdelhak Serhane veröffentlicht. In diesem Buch wird vom Autor eine marokkanische Kindheit in den fünfziger Jahren geschildert, die von materiellem und emotionalem Elend – der Vater ist gewaltätig – geprägt ist. Anhand von Zeitungsfetzen, mit denen der Vater die Decke des Hauses tapeziert hat, eignet sich der Protagonist die französische Sprache an und wird sich nach und nach der wenig beneidenswerten Lage seiner Landsleute bewusst.

Die Verlegerin Donata Kinzelbach hat am 08.10.2010 selbst mehrere Passagen aus dem Roman „Der Mann aus den Bergen“ gelesen. Die ausgewählten Texte waren durchaus interessant. So wurde in dem einen Abschnitt beschrieben, wie der Protagonist von seinem älteren Bruder herumkommandiert wird und wie die Brüder herausfinden, dass eine französische Schule eröffnet wurde, zu der sie aber nicht gehen dürfen. Daher war es schade, dass Frau Kinzelbach zwar flüssig, jedoch nicht  wirklich ausdrucksstark las, was die Wirkung der präsentierten Passagen leider beeinträchtigte.