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Von der Beschwerlichkeit des isländischen Postverkehrs

Auch Jón Kalman Stefánsson stellte auf der Lesebühne der Ehrengastpräsentation seinen neuen Roman „Der Schmerz der Engel“ (Piper Verlag) vor. Neben dem Autor nahm Karl-Ludwig Wetzig als langjähriger Übersetzer von Jón Kalman Stefánsson Romanen an der Runde teil, während Frau Betty Wahl dolmetschte. Auch ohne Übersetzung war für das Publikum spürbar, dass zwischen Karl-Ludwig Wetzig und Jón Kalman Stefánsson ein besonderes Verhältnis besteht. Dies ist offenkundig darauf zurückzuführen, dass sich Herr Wetzig intensiv mit dem Autor und dessen Bücher beschäftigt hat und weiterhin beschäftigt. So war es eigentlich kein Wunder, dass die beiden Herren immer wieder etwas vom Thema abkamen und über (isländische) Literatur und das Schreiben philosophierten. Dabei waren Übersetzer und Autor gelegentlich so im Gesprach vertieft, dass Betty Wahl ab und an unterbrechen musste, um gerade besprochener Passagen für das Publikum übersetzen zu können.

Nach einer kurzen Einleitung, in der Karl-Ludwig Wetzig auf die seiner Ansicht nach bestehenden Parallelen zwischen Kindheiterlebnissen des Autors und dessen Büchern hinwies, kam schnell die Frage nach den Lieblingsautoren des Schriftstellers auf und inwieweit diese sein Werk beeinflusst hätten. Hierbei handele es sich um eine Frage – so Jón Kalman Stefánsson -, die gar nicht so leicht zu beantworten sei: Entweder müsse man höflich lügen oder aber alle Autoren aufzählen, die einen beeinflusst haben, und das seien eindeutig zu viele. Immerhin würden ihm gerade spontan zwei Schriftsteller einfallen, nämlich Knut Hamsun und Enid Blyton.

Anfangs hatte Jón Kalman Stefánsson auch schon erwähnt, dass das Schreiben für ihn ein inneres Bedürfnis sei – vor allem benötige er es als Ausgleich für seinen Job bei einer Bank. Auf diesen Punkt ging Karl-Ludwig Wetzig noch einmal ein, als er fragte, warum der Autor sich mit seinen Büchern nicht mehr am Markt orientieren und so vielleicht auf einen Brotjob verzichten können würde. Doch Jón Kalman Stefánsson wies die Vorstellung, mit dem Strom zu schwimmen weit von sich. Wenn man Bücher schreiben wolle, die etwas aussagen und die Welt weiterbringen, dann gehe man nicht auf den Buchmarkt ein, sondern schreibe einfach.

Karl-Ludwig Wetzig betont daraufhin, dass dieses Konzept ja auch erfolgreich sei; zumindest habe Jón Kalman Stefánsson diverse Preise in Island, den skandinavischen und europäischen Ländern für seine Bücher bekommen. Ob dieser Erfolg im Ausland denn auch einen Einfluss auf sein Ansehen in Island hätte? Humorvoll erwidert Jón Kalman Stefánsson daraufhin, dass diese Anerkennung in Ausland nicht zu unterschätzen sei. Erstens könne er so viel reisen, zweitens wären da die Duty-Free-Einkäufe bei der Rückkehr nach Island und drittens wäre da das gute Gefühl, mehr Leser mit seinen Romanen erreichen zu können. Aber es wäre nicht so, dass er täglich an diesen Erfolg denken würde – er würde weiterhin einfach schreiben. Immerhin sei ihm aber durch seine Veröffentlichungen im Ausland bewusster geworden, welche Wichtigkeit den Übersetzern zukomme.

Erst durch die Vorbereitungen auf die diesjährige Messe, so meint Karl-Ludwig Wetzig, sei ihm bewusst geworden, wie viele isländische Romane erst über den deutschen Buchmarkt den Weg ins Ausland finden. Jón Kalman Stefánsson erklärt sich dieses Phänomen damit, dass viele Isländer naturnah leben und schreiben und dass dies anscheinend den deutschen Lesegeschmack treffen würde.

Zuletzt ging Karl-Ludwig Wetzig dann doch noch kurz auf Jón Kalman Stefánsson aktuellen Roman „Der Schmerz der Engel“ ein, in dem die Hauptfigur ein Landbriefräger ist, der keinen einfachen oder gar ungefährlichen Job hat. Jón Kalman Stefánsson meinte dazu, dass es ihn fasziniert hätte, wie Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts die Post zu Fuß oder per Pferd ausgetragen wurde. Dies war eine Zeit, in der es keine ausgebauten Straßen gab, die Menschen aber ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Kommunikation hatten, welches zu einem sehr regen Briefverkehr führte. Dieser Briefverkehr musste dann von den Landpostboten bewältigt werden, was in einem so unwirtlichen Land wie Island so einige Zeit kostete. So konnte es sein, dass jemand „Ich liebe dich, ich kann ohne dich nicht leben“ schrieb und wenn der Brief dann drei Monate später ankam und gelesen wurde, waren diese Sätze vielleicht schon nicht mehr wahr.

Am liebsten gut

Auch die Autorin Jónína Leósdóttir war mit ihrem bei Kiepenheuer & Witsch verlegten Roman „Am liebsten gut“ auf der Lesebühne der Ehrengastpräsentation vertreten. Dieser Titel ist das erste Buch, das die Journalistin für ein erwachsenes Publikum geschrieben hat, während sie sonst in Island vor allem für ihre Jugendromane bekannt ist. Und wie in ihren Jugendbüchern verpackt Jónína Leósdóttir auch in „Am liebsten gut“ ein ernsthaftes Thema in einer amüsanten Geschichte.

 

Tina Flecken (Moderation), Jónína Leósdóttir und Ursula Giger (Übersetzerin)

 

Jónína Leósdóttirs Hauptfigur Nina hat den Ehrgeiz, sowohl beruflich als auch als Hausfrau und Mutter erfolgreich zu sein. Dabei fühlt sich Nina nicht nur für ihre Familie verantwortlich, sondern auch für alle Probleme der Menschen um sich herum – selbst wenn diese Personen gar nicht wissen, dass sie überhaupt Probleme haben könnten. So kümmert sich die überführsorgliche Frau auch darum, dass ihr Vater und ihre Schwester mit dem Tod der Mutter fertig werden, während sie ihre eigenen Bedürfnisse zur Seite schiebt und vergisst, dass sie sich auch um sich selber kümmern muss. Dabei – so erklärt es die Autorin ganz deutlich – erwartet niemand von Nina, dass sie all diese Aufgaben übernimmt, aber sie selber setzt eben hohe Anforderungen an sich.

Es ist schon ein wenig auffällig, dass sowohl Jónína Leósdóttir als auch Kristín Marja Bal­durs­dót­tir für ihre Romane Hauptfiguren gewählt haben, die in ihrem selbst gesteckten Perfektionismusanspruch nur scheitern können. Aber Jónína Leósdóttir erklärt dies in dem Gespräch mit Tina Flecken (die auch „Am liebsten gut“ übersetzt hat) damit, dass Frauen ihrer Generation als erste mit der Doppelbelastung Karriere und Familie fertig werden mussten. Und ihrer Ansicht nach haben sie diese Herausforderung nicht gut gemeistert, da sie neben dem Vollzeitberuf versucht haben, den Haushalt ebenso gut zu meistern wie ihre Mütter, die sich noch ausschließlich um die Familie gekümmert haben.

Doch eigentlich entstand die Idee zu diesem Roman nicht aus dem Bedürfnis heraus, über ihre Generation zu schreiben, sondern aufgrund der Bachelor-Arbeit von Jónína Leósdóttir. Dort hat sich die Journalistin intensiv mit Janes Austens Werk „Emma“ auseinandergesetzt und fand den Gedanken sehr reizvoll, über eine Person zu schreiben, die anfangs niemand leiden kann. So wie Emma ist sich auch Nina sicher, dass sie am Besten die Bedürfnisse ihrer Lieben kennt und sich darum zu kümmern hat. Stattdessen erzeugt sie jedoch Chaos und Unruhe, die nie entstanden wären, wenn sie sich nicht eingemischt hätte.

Leider gelang es Tina Flecken nicht so recht, den Humor in der von ihr vorgelesene Passage zu transportieren, was vielleicht daran lag, dass dieser Abschnitt aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Aber Jónína Leósdóttir selber hinterließ bei dieser Vorstellung ihres Werkes einen so humorvollen Eindruck, dass man sich wünscht, dass noch mehr Titel dieser Autorin den Weg ins Deutschen finden werden. Vielleicht klappt dies ja mit ihrem geplanten neuem Jugendbuch, in dem trotz schwieriger Themen wie Depressionen und Selbstmord erneut auch der Humor nicht zu kurz kommen kommen soll.

Ein Roman über das Wasser (und zwei Frauen)

Eine der Autorinnen, die am Donnerstag auf der Bühne der Ehrengastpräsentation ihren neuen Roman vorstellte, war Kristín Marja Baldursdóttir. Ihr beim Krüger-Verlag erschienener Titel „Sterneneis“ stand im Mittelpunkt dieses – auf deutsch geführten – Gesprächs mit Wiebke Porombka. Doch bevor die beiden Damen auf den Inhalt des Buches eingehen konnten, war es Kristín Marja Baldursdóttir ein Bedürfnis, ein Missverständnis aus dem Weg zu räumen, da sich Frau Prombka über das Impressum amüsierte. Denn danach sollen Männer dieses – vom Verlag als Frauenroman beworbene – Buch nur „auf eigene Verantwortung“ lesen. Dagegen hatte die Autorin im Original aber eine allgemeine geschlechtsunabhängige – augenzwinkernde – „Warnung“ geschrieben, von der seitens der Übersetzerin ein Wort fehlinterpretiert wurde.

 

Kristín Marja Baldursdóttir (links) im Gespräch mit Wiebke Porombka

 

Als jemand, der sich seit vielen Jahren für die Gleichberechtigung einsetzt, wäre es Kristín Marja Baldursdóttir doch etwas unangenehm, wenn man ihr Vorurteile gegen Männer zutrauen würde. Dabei liegt es der engagierten Journalistin eher am Herzen, Frauen aufzurütteln und sie daran zu hindern, sich zurück zu entwickeln. Sie fände es nämlich sehr erschreckend, dass sich die Frauen in Island in den letzten Jahren wieder so viel von ihrer Selbstständigkeit hätten nehmen lassen. Daher stamme auch ihr Bedürfnis, über starke weibliche Charaktere zu schreiben, um aufzuzeigen, dass es den Frauen nur an etwas Mut fehle, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

So ist auch die Psychiaterin Gunnur eine erfolgreiche und energische Frau, die allerdings immer zu viel von sich erwartet. Sie will nicht nur die Anforderungen im Beruf perfekt bewältigen, sondern versucht auch, alle Erwartungen zu erfüllen, die vielleicht als Haus- und Ehefrau an sie gestellt werden könnten. Die aus diesem übertriebenen Ehrgeiz resultierende Überforderung führt zu einem Zusammenbruch, als bei Gunnur eingebrochen wird. Von einem Moment auf den anderen wurde sie nicht nur materieller Dinge beraubt, sondern auch der Sicherheit und Privatsphäre im eigenen Heim.

Verschärft wird die Situation für die Psychiaterin dadurch, dass sie die nächsten Tage auch noch auf die vierzehnjährige Hugrún, die Tochter ihrer Innenarchitektin, aufpassen soll. Zu zweit machen sich die beiden mitten im Winter auf in Gunnurs Sommerhaus – doch dort streikt die Technik, so dass sich die verunsicherte Frau und das ihr fremde Mädchen in der Natur beschäftigen müssen.

Ob die von ihr beschriebenen Szenen dabei Gunnur wirklich passieren oder ihrer Vorstellung entstammen, kann oder will Kristín Marja Baldursdóttir nicht beantworten. Für sie war es vor allem wichtig, sich in diesem Buch auf das in Island allgegenwärtige Wasser (Eis, Regen, Meer) zu konzentrieren und auf die Frage, was wohl mit einem Menschen geschieht, der all seines Luxus beraubt wird. Dabei soll Hugrúns Verhalten aufzeigen, wie sehr es der erfolgreichen und ehrgeizigen Gunnur tagtäglich an Mut fehlt.

Während des Gesprächs machte Kristín Marja Baldursdóttir einen sehr sympathischen und humorvollen Eindruck. Und auch von ihrem Roman meinte die Autorin, dass es einige lustige Momente darin gebe, doch leider kam dies – vielleicht auch aufgrund der Übersetzung – in der vorgetragenen Passage nicht zur Geltung. So bleibt von diesem Gespräch wohl vor allem Kristín Marja Baldursdóttirs Liebe zum Wasser im Gedächtnis, ihr Bedürfnis darüber zu schreiben und ihre Aussage, dass sie die deutsche Sprache an einen gefrorenen Wasserfall im Winter erinnere.

Warum man Island einfach lieben muss

Während das aktuelle Gastland auf der Buchmesse allgegenwärtig vertreten ist und einen umfassenden Einblick in die isländische Literatur bietet, bekommt man mit dem Buch “Wo Elfen noch helfen – Warum man Island einfach lieben muss” eine Vorstellung davon, welche Erlebnisse ein Aufenthalt in Island für eine deutsche Journalistin bereit hält. Der im Diederichs-Verlag erschienene Titel von Andrea Walter beschreibt vor allem die teilweise recht kuriosen Erfahrungen, die sie als Stipendiatin bei der Isländer Zeitung “Morgunblaðið” in Reykjavík sammeln konnte.

 

Andrea Walter beim Signieren ihres Buches

 

Bei ihrer Lesung am Mittwoch präsentierte die Autorin ausgewählte Szenen aus ihrem Buch und ergänzte diese immer wieder durch kleine Details, wodurch sie dem Zuhörer eine lebendige Vorstellung u.a. von der Mentalität der Inselbewohner vermittelte. Während die Autorin unterhaltsam vortrug,  wie sie die Ehrenwikingerwürde erlangte – und sich am selben Abend zu ihrer eigenen großen Überraschung mit zwei fremden Isländerinnen in einer befremdlichen Situation auf der Damentoilette wiederfand -, konnte man die große Liebe und Begeisterung von Andrea Walter für dieses Land geradezu spüren.

So erzählt sie von der Hilfsbereitschaft ihrer Kollegen beim “Morgunblaðið”, von den durchgehend vorhandenen Englischkenntnissen und dem großen Anteil deutschsprachiger Isländer. Und auch davon, wie einfach es oft sei auf Island zu recherchieren, weil man in der Regel in der Redaktion jemanden findet, der die Telefonnummer oder E-Mail-Adresse der Person bei der Hand hat, die demnächst interviewt werden soll.

Während Andrea Walter mit vielen Anekdoten schallendes Gelächter bei ihren Zuhörern hervorrief, lösten die Geschichten rund um ihre Erfahrungen mit dem traditionellen Essen der Insel doch eher einen Schauer beim Publikum aus. So amüsant die Journalistin ihren ersten – und vermutlich letzten – Versuch, einen halben Schafskopf zu essen, schildert, so plastisch waren auch ihre Beschreibung der Zubereitung, ihrer Unfähigkeit einigermaßen appetitliche Stücke zu finden und des – manchmal sogar überraschend erträglichen – Geschmacks.

Am Ende der Lesung bekamen die Zuschauer – wie zu Beginn der Veranstaltung angekündigt – die Möglichkeit, Fragen zu stellen. So erfuhr man noch, dass die Journalistin nur ein paar Worte Isländisch spricht, in ihrer Eigenschaft als “Islandexpertin” in den letzten Jahren regelmäßig das Land bereist und mehr von der Insel gesehen hat als nur Reykjavík. Außerdem könnte sie es sich durchaus vorstellen, in Island zu leben, auch wenn sie bislang noch keinen Winter auf der Insel erlebt hat – aber immerhin sei ihr bekannt, dass man in diesen dunklen Monaten viel Zeit mit dem Lesen verbringen könnte, während der Sommer mit Aktivitäten gefüllt sei.

Natürlich zieht sie es auch in Betracht ihren Titel “Wo Elfen noch helfen” auch über Buchhandlungen in Island auf den Markt zu bringen. Da das ausländische Angebot dort recht groß ist, wären die Chancen gar nicht so schlecht und der Diederichs-Verlag hätte die dementsprechenden Verhandlungen schon ins Auge gefasst.

Zuletzt wurden noch einige Exemplare des Buches an diejenigen im Publikum verlost, die Fragen zu der Geschichte Islands, zu speziellen Eigenheiten der Isländer oder zu erwähnten Erlebnissen der Autorin beantworten konnten. Die Gewinner können so nun mehr über einen Komiker als Bürgermeister von Reykjavík, den Herausforderungen, die man bewältigen muss, wenn man  einen Gefängnisinsassen besuchen möchte (wichtig ist vor allem der vorherige Anruf, damit der Gesprächspartner dann nicht unterwegs ist) und das turbulente Nachtleben am Freitagabend in Reykjavík lesen.

Island ein Ort der Ruhe?

Ob Island wirklich eine durch und durch friedliche und ruhige Insel ist, darf man nach den diversen Berichten über das (Nacht-)Leben in Reykjavík, die kulturelle Szene in Island und die vielen sommerlichen Aktivitäten der Inselbewohner auf jeden Fall anzweifeln. Aber auf der Buchmesse ist die Fläche der Ehrengastpräsentation in diesem Jahr so gestaltet, dass sie nicht nur eine gelungene Bühne für die Lesungen isländischer Autoren bildet, sondern auch zum Verweilen einlädt.

 

 

Betritt man den abgetrennten Bereich auf der Ebene 1 im Forum, so überkommt einen gleich ein Gefühl von Gemütlichkeit. Auf großen Leinwänden kann man Isländer sehen, die vor ihren Bücherregalen sitzen und lesen – ob auf dem Sofa, einem Stuhl oder am Tisch, immer mit dem Lieblingsbuch in der Hand, aus dem dem Betrachter vorgelesen wird. Natürlich nicht von allen gleichzeitig, sondern immer abwechselnd, so dass man in Ruhe von Leinwand zu Leinwand schlendern und dem jeweils Vortragenden zuhören kann.

 

 

Neben dieser Präsentation laden gemütliche Sitzmöbel und Tische zum Verweilen und Stöbern in Bücher oder zum interessanten Austausch über die ganzen Neuentdeckungen ein. Dabei herrscht trotz der nicht gerade geringen Besuchermenge eine ruhige und entspannte Atmosphäre, die nach der Hektik und der Reizüberflutung in den Messehallen wunderbar erholsam ist. Eine weitere Besonderheit der Ehrengastpräsentation stellt ein Pavillon da, der dem Betrachter durch einen Panoramafilm das Gefühl vermittelt, inmitten der beeindruckenden isländischen Natur zu stehen.

 

 

Auf der Bühne hingegen finden jeden Tag durchgehend halbstündige Lesungen isländischer Autoren statt, zum Teil sogar in deutscher Sprache, da erstaunlich viele Isländer diese hervorragend beherrschen. Hierdurch wird den Besuchern ein vielseitiger Einblick in die Literatur dieses Landes, das Leben und das Arbeiten der Autoren und viele kleine Aspekte des Alltags auf dieser Insel geboten. So kann man in diesem Bereich in gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre seine Neugier auf Island und seine Literatur stillen und die Hektik des Buchmesse für einen Moment hinter sich lassen.

Kai Meyer und Andreas Fröhlich mit „Arkadien brennt“ im Lesezelt

Am Freitag stellte Kai Meyer den zweiten Band seiner „Arkadien“-Reihe im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse vor. Unterstützung erhielt er dabei von dem Sprecher Andreas Fröhlich, der die Hörbuchversion von „Arkadien brennt“ eingelesen hat. Nach einer kurzen Vorstellung der Vorgänge im ersten Teil „Arkadien erwacht“ und der Hauptfiguren, Rosa Alcantara und Alessandro Carnevare, geht Kai Meyer auf die Handlung des aktuellen Bandes ein.

Rosa und Alessandro sind nach den Ereignissen in „Arkadien brennt“ mit gerade mal 18 Jahren die Oberhäupter ihrer jeweiligen Mafia-Familien. Während Alessandro sich jahrelang auf diese Verantwortung vorbereitet hatte, hat Rosa keine Ahnung vom Geschäft – und mit jedem Tag ist sie frustrierter, weil sie eigentlich nichts mit den kriminellen Machenschaften ihrer Organisation zu tun haben will. Außerdem muss sie immer noch das Versprechen einlösen, das sie ihrer sterbenden Schwester Zoe gegeben hatte, und wieder zurück nach New York reisen, um mehr über eine eventuelle Verbindung ihres Vaters zu der geheimnisvollen Organisation „Tabula“ herauszufinden.

So begann Kai Meyer die Lesung mit einer amüsanten Passage, in der sich Rosa und Alessandro am Flughafen verabschieden, wobei die beiden nicht wenige Probleme haben, ihre gestaltwandlerischen Fähigkeiten bei all dem Abschiedsschmerz im Zaum zu halten. Nach einer kurzen Überleitung führte Andreas Fröhlich die Lesung mit einer Szene in New York fort. Nach ihrer Ankunft in New York war Rosa auf den amerikanischen Zweig von Alessandros Clan gestoßen und wird nun in der von dem Profi gelesenen Passage von einem ganzen Rudel Raubkatzen durch den nächtlichen Central Park gejagt. Die gewählten Textstellen boten dem Publikum einen schönen Einblick in die in „Arkadien brennt“ zu erwartenden Geschehnisse. Rosas Charakter und die Herausforderungen, denen sie sich in New York stellen muss, versprechen eine unterhaltsame und spannende Geschichte – ein Eindruck, der durch Andreas Fröhlichs gelungen Vortrag nur bestärkt wird.

Gegen Ende der Lesung tauschten sich der Autor und der Sprecher noch über ihre jeweiligen Arbeitsweisen aus. So erzählte Kai Meyer, dass er jeden Roman vor dem eigentlichen Schreiben komplett durchkonzipiert und für dieses Exposé (inklusive Recherche) ebensoviel Zeit aufwendet wie für das eigentliche Ausformulieren der Geschichte. Auch war es für ihn nicht ganz einfach, eine Liebesgeschichte wie die von Rosa und Alessandro zu schreiben, da die beiden in den ersten beiden Bänden doch recht wenig Zeit miteinander verbringen. Das allerdings wird sich im Abschlussband ändern, denn den hat der Autor (wie er bei dieser Gelegenheit verriet) eher wie ein „Road Movie“ konzipiert – und so werden die beiden Hauptfiguren sehr viel zusammen unterwegs sein und einiges miteinander erleben.

Auf eine Frage von Andreas Fröhlich meinte Kai Meyer noch, dass er sich von allen möglichen Medien inspirieren lässt und es genießt, zum Beispiel Filme zu analysieren, um herauszufinden, was ihn daran so fasziniert hat. Und er gab auch zu, dass er bei jedem seiner Bücher im Nachhinein Stellen findet, die er noch überarbeiten würde, wenn er könnte – und so nimmt er sich auch die Freiheit heraus, einen Text für eine Lesung so zu verändern, dass er sich gut lesen lässt. Im Gegenzug lässt sich Kai Meyer noch eine Frage von Andreas Fröhlich beantworten, und so erfährt das Publikum, dass professionelle Hörspielstudios fremdsprachige Begriffe von Muttersprachlern einsprechen lassen. Der Sprecher bekommt diese Tonbeispiele bei der Lesung über Kopfhörer eingespielt und spricht dann das fremde Wort nach. Letztendlich hat diese Lesung dem – vorwiegend jungen und weiblichen – Publikum nicht nur große Lust auf den zweiten „Arkadien“-Band gemacht, sondern ihm auch einen kleinen, interessanten Einblick in die Arbeit von Autor und Hörbuchsprecher gewährt.

Thomas Thiemeyer und „Der Palast des Poseidon“

Am Freitag stellte Thomas Thiemeyer im Kinder- und Jugendbuchforum der Frankfurter Buchmesse den zweiten Band seiner Reihe „Die Chroniken der Weltensucher“ vor. Nach einer kurzen Einführung, bei der das Publikum die Charaktere des ersten Bandes („Die Stadt der Regenfresser“) kennenlernte und grob erfuhr, worum sich die Geschichte in diesem Roman gedreht hatte, ging es dann los mit dem aktuellen Buch.

„Der Palast des Poseidon“ beginnt – wie schon „Die Stadt der Regenfresser“ – mit einem abenteuerlichen Prolog. Man verfolgt, wie Kapitän Vogiatzis auf dem Mittelmeer mit seinem Dampfschiff inmitten eines Sturms versucht, einen Richtungshinweis zu finden. Gerade als er einen Leuchtturm erblickt, muss er feststellen, dass mehr als eine Positionslampe am Horizont aufleuchten – und kurz darauf wird sein Schiff „Kornelia“ von monströsen Fangarmen in die Tiefe gerissen.

Abwechselnd erzählend und lesend, berichtet Thomas Thiemeyer, wie der Forscher Carl Friedrich von Humboldt und sein Assistent Oskar in die rätselhaften Ereignisse, die zum Verschwinden einiger Schiffe geführt haben, verwickelt werden. Obwohl der Autor in den actionreichen Passagen ein deutlich langsameres Tempo hält, als es ein professioneller Sprecher tun würde, liest Thomas Thiemeyer sehr mitreißend. Doch seine Stärke liegt vor allem in den eher langsamen Passagen, in denen er – zum Teil auch mit Akzent – den Figuren Lebendigkeit verleiht.

Carl Friedrich von Humboldt, der sich am Ende des ersten Bandes der Reihe um „Die Chroniken der Weltensucher“ von der Universität verabschiedete, ist inzwischen als Ermittler im Bereich „phantastischer Phänomene“ unterwegs. Um das Rätsel der verschwundenen Schiffe aufzuklären, muss er zusammen mit Oskar, dem Erfinder Hippolite Rimbault und dessen Tochter Océanne in einer Tauchglocke in die Tiefen des Mittelmeers vordringen.

Zum Abschluss seiner Lesung zeigt der Autor nicht nur das (von ihm selbst gemalte) Originalbild für das Cover, sondern gibt auch noch ein paar Informationen über den nächsten Band dieser Serie preis, und so erfährt das Publikum, dass Oskar zusammen mit Humboldt und den anderen nach Westafrika reisen wird, um sich mit dem Volk der Dogon auseinanderzusetzen. Selbst bei diesen wenigen Andeutungen wird deutlich, wie sehr Thomas Thiemeyer von diesem Volk fasziniert ist, welches schon vor langer Zeit von Sternbildern wusste, die in Europa erst in der modernen Zeit mit hochentwickelter Technik entdeckt werden konnten. Bei so viel Begeisterung für das Thema wird wohl auch der dritte Band wieder spannend werden.

Ingrid Noll mit „Ehrenwort“ im Lesezelt

Im August dieses Jahres erschien Ingrid Nolls fünfzehnter Roman „Ehrenwort“, aus dem die Autorin am Freitag im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse las. Nach einer kurzen Einleitung, bei der Ingrid Noll ein wenig darüber erzählte, wie sie überhaupt zum Schreiben gekommen war, wie es war, ihren 75. Geburtstag zu feiern, und dass sie Geschichten über die Dinge schreibt, die innerhalb einer Familie gern unter den Teppich gekehrt werden, begann die Autorin mit der Lesung.

Dabei fing Ingrid Noll mit dem Anfang von „Ehrenwort“ an und zog das Publikum, welches aus Zuhörern jeder Altersklasse bestand, schnell in ihren Bann. Schon nach wenigen Sätzen hatte man eine Vorstellung von Max, der sich regelmäßig um seinen 90jährigen Großvater Willy kümmert, da ihm dies nicht nur von seiner Mutter aufgetragen wurden, sondern auch regelmäßiges Taschengeld verspricht. Bald hatte man das Gefühl, Willy und seine – inzwischen verstorbene – Frau Ilse zu kennen, stellte fest, dass Willys Sohn Harald so gar nicht mit seinem Vater zurechtkommt und dass Willys Schwiegertochter pflichtbewusst genug ist, um sich Gedanken um den alten Herrn und seine Versorgung zu machen. Nicht nur der trockene Humor, der schon zu Beginn von „Ehrenwort“ durchschimmert und für einige Lacher sorgte, sondern auch die Lebhaftigkeit und die Begeisterung, mit der die Autorin ihren eigenen Text vortrug, zog das Publikum mit.

Der Roman handelt von einer ganz normalen Familie, die nach einem Sturz des Großvaters beschließt, diesen bei sich aufzunehmen. Dabei will eigentlich niemand den alten Mann im Haus haben, aber da er nicht mehr lange zu leben hat, wäre es fast noch umständlicher, wenn man Willy zwischenzeitlich in einem Altersheim unterbringen müsste. Doch aufgrund der guten Pflege durch den Enkel Max erholt sich der Großvater entgegen der Prognose des Arztes – und so sucht sein Sohn Harald einen direkteren Weg, um den lästigen Vater loszuwerden.

Dabei beruht „Ehrenwort“ auf sehr persönlichen Erfahrungen von Ingrid Noll, die ihre eigene Mutter sechzehn Jahre lang bei sich wohnen und bis zu ihrem Tod gepflegt hat. Bei dieser Information fügte die Autorin aber schnell noch hinzu, dass die Figur des Willy Knobel als Gegencharakter zu ihrer eigenen Mutter zu sehen sei, die eine Dame der alten Schule war. Aber durch die Pflege ihrer Mutter konnte Ingrid Noll bei der Beschreibung der Veränderungen, die der Einzug von Willy und die regelmäßige Präsenz von Pflegepersonal seiner Familie bringt, aus eigener Erfahrung schöpfen.

Gewiss ging nach diesem amüsanten Einblick in die Geschichte kaum einer der Zuschauer aus dem Lesezelt, ohne den Vorsatz zu fassen, demnächst einen gründlichen Blick in „Ehrenwort“ zu werfen. Gerade die Alltäglichkeit der Geschichte lässt einen die genaue – und etwas boshaft gefärbte – Beobachtungsgabe der Autorin genießen.

Warum in argentinischen Kriminalromanen nicht Polizisten die Helden sind

Nachdem am Mittwoch auf der Buchmesse bei der Programmreihe „Krimi am Mittag“ „Sagenhafte Morde – Mythen und Realien des Islandkrimis“ Thema war, ging es am Donnerstag um „Kriminalliteratur ist richtige Literatur – nicht nur in Argentinien“. Auch diese Veranstaltung fand unter der Moderation von Thomas Wörtche statt und bot dem Zuschauer die Möglichkeit, ein Gespräch zwischen den beiden Autoren Friedrich Ani und Raúl Argemí zu verfolgen. Dabei ging es allerdings weniger darum zu belegen, dass Kriminalliteratur „richtige Literatur“ ist, als um einen Austausch über den Unterschied zwischen deutschen und argentinischen Krimis, der Verbindung zwischen politischen/gesellschaftlichen Ereignissen und der Kriminalliteratur sowie um das Schreiben von Jugendbüchern – ein Bereich, in dem beide Autoren ebenfalls tätig sind.

Doch erst einmal wurden die beiden Autoren dem Publikum vorgestellt: Raúl Argemí ist ein argentinischer Schriftsteller, der während der Militärdiktatur von 1974 bis 1984 im Gefängnis saß. Nach dieser Zeit arbeitete er als Journalist in Patagonien und schrieb zeitgleich an seinen ersten Kriminalromanen. Doch erst 1996 veröffentlichte Raúl Argemí seinen Debütroman in Argentinien. Vier Jahre später zog er nach Spanien, da dort der Markt für seine Bücher deutlich größer ist. So ist es ihm in Europa immerhin auch möglich, seine kritischeren Romane zu veröffentlichen, während nur die weniger verfänglichen Titel den Sprung auf den argentinischen Markt schaffen. Bislang wurden zwei Titel („Chamäleon Cacho“ und „Und der Engel spielt dein Lied“) von Raúl Argemí vom Unionsverlag in Deutschland veröffentlicht.

Friedrich Ani hingegen hatte sich anfangs vor allem auf lyrische Werke konzentriert, um sich dann in verschiedenen Prosabereichen auszuprobieren. Der Autor, der auch Drehbücher für Serien wie „Tatort“ und „Rosa Roth“ schreibt, wurde vor allem für seine drei Krimireihen rund um die Ermittler Tabor Süden, Polonius Fischer und Jonas Vogel bekannt. Dabei konzentriert sich Friedrich Ani in seiner aktuellen Reihe rund um den blinden Ex-Polizisten Jürgen Vogel darauf, die Elemente einer Familiengeschichte mit denen eines Krimis zu vermischen. Beide Autoren schreiben neben den Kriminalromanen auch Jugendliteratur und vor allem Raúl Argemí betont die Verbindung zwischen diesen beiden Sparten, die seiner Meinung nach auch schon im klassischen Märchen (Hänsel und Gretel werden aufgrund der Armut ihrer Eltern ausgesetzt und ermorden am Ende der Geschichte ihrer Peinigerin) erkennbar ist.

Sowohl Friedrich Ani als auch Raúl Argemí sind sich einig, dass ein guter Krimi auch immer politische und gesellschaftskritische Literatur ist. Interessant ist dabei Argemís Einwand, dass in Argentinien Krimis eher Volksliteratur sind und an klassische Banditengeschichte (vergleichbar mit „Robin Hood“) erinnern. Einen Polizisten als heldenhafte Hauptfigur eines Kriminalromans zu verwenden, ist in diesem Land undenkbar, und so stehen auch bei Raúl Argemí Privatpersonen im Vordergrund der Handlung. Für die Argentinier – so Raúl Argemí – gehört die Polizei zu denen, die auf der Seite der Mächtigen stehen. Man kann Polizisten nicht vertrauen und muss eher davon ausgehen, dass der Kontakt mit der Polizei einen in Gefahr bringt. In diesem Zusammenhang erzählt der Autor, dass es nach seinem Umzug nach Spanien sieben Jahre gedauert hat, bis er sich erstmals traute, auf der Straße einmal einen Polizisten anzusprechen. Obwohl er inzwischen auch privat einige spanische Ordnungshüter kennengelernt hat, ist es für ihn immer noch unfassbar, dass ein gebildeter und nicht korrupter Mensch freiwillig für ein solches Staatsorgan arbeitet – und dabei auch noch auf der Seite der „Guten“ stehen kann.

Friedrich Ani hingegen bemerkt, dass gerade in deutschen Kriminalromanen nicht nur die Figur des Polizisten häufig in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt, sondern auch – ebenso wie die Polizei an sich – gern etwas glorifiziert wird. Er selbst bemühe sich, seine Ermittler ebenso wie die Polizei realistisch darzustellen, was bedeutet, dass er sich mit allen Facetten einer solchen Organisation auseinandersetzen muss. Für Raúl Argemí ist der Krimi die Literatur des 21. Jahrhunderts. In einer Welt, in der die Menschen jeden Tag von Politikern, Konzernen und Medien beeinflusst und betrogen werden, braucht es Romane, die sich mit den dunklen Seiten dieser Gesellschaft beschäftigen und dem Leser – wenn auch vielleicht nur innerhalb der Geschichte – eine gerechte Lösung präsentieren.

Das Märchen von der Welt

Am Donnerstag gab es auf der Buchmesse eine Podiumsdiskussion mit dem Autor Jürg Amann und der Illustratorin Käthi Bhend. Diese drehte sich um das Bilderbuch „Das Märchen von der Welt“, bei dem die Illustratorin versuchte, mit ihren Bildern bewusst gegen den sehr düsteren Text des Autors zu arbeiten.

Die Geschichte „Das Märchen von der Welt“ basiert auf einem Textfragment aus Georg Büchners „Woyzeck“, welches von Jürg Amann neu umgesetzt wurde. Bei Büchners „Woyzeck“ gibt es eine Szene, in der eine Großmutter ein sehr düsteres Märchen von einem einsamen Kind erzählt, welches die Erde verlässt und im Himmel auf einen Mond aus faulendem Holz und andere tote Planeten trifft. Jürg Amann, der schon während seines Germanistikstudiums enttäuscht davon war, dass alle Märchen immer glücklich enden und nie erwähnt wird, was mit den scheiternden Geschwistern der Märchenhelden geschieht, war von dieser untypischen Variante fasziniert.

Für die Anthologie „Oder die Entdeckung der Welt“, die 1997 von dem Verleger Hans-Joachim Gelberg herausgegeben wurde, hatte Jürg Amann den Originaltext von Georg Büchner als Basis für eine kurze Geschichte genommen. Doch den Vorschlag des Autors, dies auch noch als Ausgangspunkt für ein Kinderbuch zu nutzen, lehnte der Verleger ab, da die Handlung für sich allein zu düster für ein solches Buch sei. Erst die Idee, ein Bilderbuch daraus zu machen, bei dem die Illustrationen dem Text seinen Schwermut nehmen sollten, führte letztendlich zur Realisierung des Projekts. So stand von vornherein fest, dass die Illustratorin Käthi Bhend mit ihren Bildern gegen den Text von Jürg Amann arbeiten musste.

Georg Büchners Text wurde von Jürg Amann umformuliert und erweitert. Stand im Original von Büchner zum Beispiel, dass das Kind bei seiner Reise zum Mond nur ein Stück verfaultes Holz vorfand, bietet Jürg Amann dem Leser nun zwei weitere Alternativen, um spielerischer mit den düsteren Aussage des Textes umzugehen und die Perspektive des Betrachters zu verändern. Diese Variationen nutzt die Künstlerin, um die Aussage des Märchens abzumildern. Ebenso sorgt sie in ihren Bildern mit kleinen Details, die dem Text regelrecht widersprechen, dafür, dass der Geschichte über das von allen verlassene Kind ein wenig die beängstigende Wirkung genommen wird.

So haben die von Jürg Amann beschriebenen „toten Planeten“ auf den Darstellungen von Käthi Bhend Gesichter mit geschlossenen Augen und wirken so beinah, als ob sie schlafen würden. Auch sieht man auf jeder einzelnen Seite eine Schnur, die das Kind mit der Erde verbindet und als Rettungsleine in der verlorenen Welt dient. Ganz zum Schluss wird – allein durch das letzte Bild – die Interpretation nahegelegt, dass diese traurige Geschichte womöglich nicht mehr ist als ein Traum, den das Kind gewiss vergessen wird, sobald seine Eltern es trösten.

Die Wechselwirkung zwischen Geschichte und Text – und vor allem diese bewusste Gegensätzlichkeit zwischen diesen beiden Aspekten des Bilderbuchs – machen „Das Märchen von der Welt“ zu einem (zumindest für Erwachsene) reizvollen und interessanten Werk. Auch wurde bei der Diskussion mit Jürg Amann und Käthi Bhend deutlich, wie spannend für den Autor und die Illustratorin diese ungewöhnliche Arbeitsweise war, bei der die beiden quasi konträre Ziele verfolgten.

Auf die Frage, warum es Jürg Amann so wichtig war, dass diese bedrückende Geschichte überhaupt veröffentlicht wurde, betonte der Autor, dass es ihm darauf ankam, dass Kinder auch mit der dunklen Seite der Realität konfrontiert werden. Er habe selbst die Erfahrung gemacht, dass eine vorsichtige Konfrontation mit den Schattenseiten des Lebens ein Kind eher stärken, statt ihm Angst vor dem Tod oder ähnlichem einzujagen. Er ist sich sicher, dass die Vermeidung solcher Themen auf die Vorstellung der Erwachsenen, was einem Kind zuzumuten sei, zurückzuführen ist und nicht darauf, dass Kinder mit solchen Wahrheiten nicht umgehen können.

Beim Betrachten dieses Titels stellt sich allerdings die Frage, wie sehr ein solches Bilderbuch Kinder überhaupt reizen würde. Die Illustrationen von Käthi Bhend sind sehr großflächig, wirken aber auf den ersten Blick nicht besonders kindgerecht. Und um die vielen liebevollen Details wahrzunehmen, muss man sich schon aufmerksam mit den einzelnen Darstellungen beschäftigen. So liegt die Vermutung nahe, dass „Das Märchen von der Welt“ von Kindern erst durch die Ermutigung von Erwachsenen beachtet wird. Dies ist auch sinnvoll, da sie angesichts der doch recht abstrakten Texte und Illustrationen vermutlich Erläuterungen benötigen werden.