Am liebsten gut

Auch die Autorin Jónína Leósdóttir war mit ihrem bei Kiepenheuer & Witsch verlegten Roman „Am liebsten gut“ auf der Lesebühne der Ehrengastpräsentation vertreten. Dieser Titel ist das erste Buch, das die Journalistin für ein erwachsenes Publikum geschrieben hat, während sie sonst in Island vor allem für ihre Jugendromane bekannt ist. Und wie in ihren Jugendbüchern verpackt Jónína Leósdóttir auch in „Am liebsten gut“ ein ernsthaftes Thema in einer amüsanten Geschichte.

 

Tina Flecken (Moderation), Jónína Leósdóttir und Ursula Giger (Übersetzerin)

 

Jónína Leósdóttirs Hauptfigur Nina hat den Ehrgeiz, sowohl beruflich als auch als Hausfrau und Mutter erfolgreich zu sein. Dabei fühlt sich Nina nicht nur für ihre Familie verantwortlich, sondern auch für alle Probleme der Menschen um sich herum – selbst wenn diese Personen gar nicht wissen, dass sie überhaupt Probleme haben könnten. So kümmert sich die überführsorgliche Frau auch darum, dass ihr Vater und ihre Schwester mit dem Tod der Mutter fertig werden, während sie ihre eigenen Bedürfnisse zur Seite schiebt und vergisst, dass sie sich auch um sich selber kümmern muss. Dabei – so erklärt es die Autorin ganz deutlich – erwartet niemand von Nina, dass sie all diese Aufgaben übernimmt, aber sie selber setzt eben hohe Anforderungen an sich.

Es ist schon ein wenig auffällig, dass sowohl Jónína Leósdóttir als auch Kristín Marja Bal­durs­dót­tir für ihre Romane Hauptfiguren gewählt haben, die in ihrem selbst gesteckten Perfektionismusanspruch nur scheitern können. Aber Jónína Leósdóttir erklärt dies in dem Gespräch mit Tina Flecken (die auch „Am liebsten gut“ übersetzt hat) damit, dass Frauen ihrer Generation als erste mit der Doppelbelastung Karriere und Familie fertig werden mussten. Und ihrer Ansicht nach haben sie diese Herausforderung nicht gut gemeistert, da sie neben dem Vollzeitberuf versucht haben, den Haushalt ebenso gut zu meistern wie ihre Mütter, die sich noch ausschließlich um die Familie gekümmert haben.

Doch eigentlich entstand die Idee zu diesem Roman nicht aus dem Bedürfnis heraus, über ihre Generation zu schreiben, sondern aufgrund der Bachelor-Arbeit von Jónína Leósdóttir. Dort hat sich die Journalistin intensiv mit Janes Austens Werk „Emma“ auseinandergesetzt und fand den Gedanken sehr reizvoll, über eine Person zu schreiben, die anfangs niemand leiden kann. So wie Emma ist sich auch Nina sicher, dass sie am Besten die Bedürfnisse ihrer Lieben kennt und sich darum zu kümmern hat. Stattdessen erzeugt sie jedoch Chaos und Unruhe, die nie entstanden wären, wenn sie sich nicht eingemischt hätte.

Leider gelang es Tina Flecken nicht so recht, den Humor in der von ihr vorgelesene Passage zu transportieren, was vielleicht daran lag, dass dieser Abschnitt aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Aber Jónína Leósdóttir selber hinterließ bei dieser Vorstellung ihres Werkes einen so humorvollen Eindruck, dass man sich wünscht, dass noch mehr Titel dieser Autorin den Weg ins Deutschen finden werden. Vielleicht klappt dies ja mit ihrem geplanten neuem Jugendbuch, in dem trotz schwieriger Themen wie Depressionen und Selbstmord erneut auch der Humor nicht zu kurz kommen kommen soll.