Lesung mit Joachim Król: „Taxi 79 ab Station“

Es gibt Menschen, denen schaut und hört man einfach gerne zu. Diese Menschen können selbst in schlechteren Produktionen nicht übersehen oder überhört werden und verwandeln auch die kleinste Rolle in etwas Besonderes. Sie können dem Inhalt des langweiligsten Romans Reiz verleihen und einem faszinierendem Buch noch mehr Beachtung. Einer dieser Menschen ist Joachim Król.

Am gestrigen Donnerstag präsentierte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Berlin-Brandenburg e.V., der Transit Buchverlag und Sagenhaftes Island e.V. im Berliner Zimmer auf dem Buchmessegelände den  Roman „Taxi 79 ab Station“ des Isländers Indridi G. Thorsteinsson. Die deutsche Übersetzung stammt von Betty Wahl.

Nach einleitenden Worten des Verlagsleiters und Autors Halldór Gudmundsson von Transitverlag und einer weiteren Einführung von Thomas Böhm (Sagenhaftes Island) las der bekannte Schauspieler Joachim Król eine Szene aus „Taxi 79 ab Station“: Der Taxifahrer Ragnar (Taxi 79) spielt gerade mit einem Kollegen Schach, als er über die Zentrale einen Auftrag von zwei US-Soldaten erhält. Er soll ihren betrunkenen Kameraden von Reykjavik zurück zum Luftwaffenstützpunkt in Keflavik fahren. Sollte der Betrunkene aufwachen, möge Ragnar auch von ihm das Taxigeld kassieren und den beiden Soldaten deren Betrag erstatten. Tatsächlich wacht der US-Soldat auch kurz vor Keflavik auf und bezahlt anstandslos. Ragnar macht sich auf den Rückweg und sieht eine auffällig elegante Frau vor ihrem liegengebliebenen Buick stehen. Ragnar stoppt und macht die Bekanntschaft von Gogo.

Beinah etwas schleppend mit unterstützender Gestik und Mimik las Joachim Król Ragnars Bericht, was aber sehr gut zu der Stimmung passte: Einen Betrunkenen durch die Nacht zu fahren ist einsam – und kann unschön enden. Obwohl das Radio läuft und sich der Fahrgast später rauchend nach vorn zu Ragnar setzt, bleibt die Romanszene ruhig. Man hört beinahe das von Thorsteinsson beschriebene Klopfen des Motors und erahnt das durch die Nacht fahrende Taxi.

Der in den 50er Jahren spielende Roman ist in Island bereits ein Klassiker. In einem kleinen Buch von nicht mal 150 Seiten habe der Autor, so Thomas Böhm, die Wandlung der Werte in Island des 20. Jahrhunderts eingefangen. Thomas Böhm nennt Indridi G. Thorsteinsson einen isländischen Hemingway.

In der Lesung wird deutlich, wie visuell Thorsteinsson beschreibt. Der Text weist, wie auch Joachim Król erklärte, eine hohe Informationsdichte auf, ohne überladen zu sein. Und ja, die gelesene Szene wirkt nicht überfrachtet – ob dies aber am Autor oder am Vortragenden liegt, muss jeder Leser selbst entscheiden. Eine Hörbuchversion mit Joachim Król gibt es derzeit nicht; eine Leseprobe ist hier (klick) zu finden.