Warum in argentinischen Kriminalromanen nicht Polizisten die Helden sind

Nachdem am Mittwoch auf der Buchmesse bei der Programmreihe „Krimi am Mittag“ „Sagenhafte Morde – Mythen und Realien des Islandkrimis“ Thema war, ging es am Donnerstag um „Kriminalliteratur ist richtige Literatur – nicht nur in Argentinien“. Auch diese Veranstaltung fand unter der Moderation von Thomas Wörtche statt und bot dem Zuschauer die Möglichkeit, ein Gespräch zwischen den beiden Autoren Friedrich Ani und Raúl Argemí zu verfolgen. Dabei ging es allerdings weniger darum zu belegen, dass Kriminalliteratur „richtige Literatur“ ist, als um einen Austausch über den Unterschied zwischen deutschen und argentinischen Krimis, der Verbindung zwischen politischen/gesellschaftlichen Ereignissen und der Kriminalliteratur sowie um das Schreiben von Jugendbüchern – ein Bereich, in dem beide Autoren ebenfalls tätig sind.

Doch erst einmal wurden die beiden Autoren dem Publikum vorgestellt: Raúl Argemí ist ein argentinischer Schriftsteller, der während der Militärdiktatur von 1974 bis 1984 im Gefängnis saß. Nach dieser Zeit arbeitete er als Journalist in Patagonien und schrieb zeitgleich an seinen ersten Kriminalromanen. Doch erst 1996 veröffentlichte Raúl Argemí seinen Debütroman in Argentinien. Vier Jahre später zog er nach Spanien, da dort der Markt für seine Bücher deutlich größer ist. So ist es ihm in Europa immerhin auch möglich, seine kritischeren Romane zu veröffentlichen, während nur die weniger verfänglichen Titel den Sprung auf den argentinischen Markt schaffen. Bislang wurden zwei Titel („Chamäleon Cacho“ und „Und der Engel spielt dein Lied“) von Raúl Argemí vom Unionsverlag in Deutschland veröffentlicht.

Friedrich Ani hingegen hatte sich anfangs vor allem auf lyrische Werke konzentriert, um sich dann in verschiedenen Prosabereichen auszuprobieren. Der Autor, der auch Drehbücher für Serien wie „Tatort“ und „Rosa Roth“ schreibt, wurde vor allem für seine drei Krimireihen rund um die Ermittler Tabor Süden, Polonius Fischer und Jonas Vogel bekannt. Dabei konzentriert sich Friedrich Ani in seiner aktuellen Reihe rund um den blinden Ex-Polizisten Jürgen Vogel darauf, die Elemente einer Familiengeschichte mit denen eines Krimis zu vermischen. Beide Autoren schreiben neben den Kriminalromanen auch Jugendliteratur und vor allem Raúl Argemí betont die Verbindung zwischen diesen beiden Sparten, die seiner Meinung nach auch schon im klassischen Märchen (Hänsel und Gretel werden aufgrund der Armut ihrer Eltern ausgesetzt und ermorden am Ende der Geschichte ihrer Peinigerin) erkennbar ist.

Sowohl Friedrich Ani als auch Raúl Argemí sind sich einig, dass ein guter Krimi auch immer politische und gesellschaftskritische Literatur ist. Interessant ist dabei Argemís Einwand, dass in Argentinien Krimis eher Volksliteratur sind und an klassische Banditengeschichte (vergleichbar mit „Robin Hood“) erinnern. Einen Polizisten als heldenhafte Hauptfigur eines Kriminalromans zu verwenden, ist in diesem Land undenkbar, und so stehen auch bei Raúl Argemí Privatpersonen im Vordergrund der Handlung. Für die Argentinier – so Raúl Argemí – gehört die Polizei zu denen, die auf der Seite der Mächtigen stehen. Man kann Polizisten nicht vertrauen und muss eher davon ausgehen, dass der Kontakt mit der Polizei einen in Gefahr bringt. In diesem Zusammenhang erzählt der Autor, dass es nach seinem Umzug nach Spanien sieben Jahre gedauert hat, bis er sich erstmals traute, auf der Straße einmal einen Polizisten anzusprechen. Obwohl er inzwischen auch privat einige spanische Ordnungshüter kennengelernt hat, ist es für ihn immer noch unfassbar, dass ein gebildeter und nicht korrupter Mensch freiwillig für ein solches Staatsorgan arbeitet – und dabei auch noch auf der Seite der „Guten“ stehen kann.

Friedrich Ani hingegen bemerkt, dass gerade in deutschen Kriminalromanen nicht nur die Figur des Polizisten häufig in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt, sondern auch – ebenso wie die Polizei an sich – gern etwas glorifiziert wird. Er selbst bemühe sich, seine Ermittler ebenso wie die Polizei realistisch darzustellen, was bedeutet, dass er sich mit allen Facetten einer solchen Organisation auseinandersetzen muss. Für Raúl Argemí ist der Krimi die Literatur des 21. Jahrhunderts. In einer Welt, in der die Menschen jeden Tag von Politikern, Konzernen und Medien beeinflusst und betrogen werden, braucht es Romane, die sich mit den dunklen Seiten dieser Gesellschaft beschäftigen und dem Leser – wenn auch vielleicht nur innerhalb der Geschichte – eine gerechte Lösung präsentieren.