Funktioniert „Wiener Schmaeh“ im Spanischen?

Am 07.10.2010 fand auf der Buchmesse Frankfurt die Lesung und Diskussion „Lässliche Todsünden in literarischen Übersetzungen“ statt. Mitveranstalter neben der Frankfurt Book Fair Ausstellungs- und Messe GmbH war das Instituto Cervantes, eine vom spanischen Staat gegründete gemeinnützige Stiftung. Letztere hat das Ziel, die spanische Sprache zu fördern sowie das Kulturgut Spaniens und aller spanischsprachigen Länder im Ausland zu verbreiten.

Der Titel der Veranstaltung war Programm: Zum einen ging es um den Roman „Lässliche Todsünden“ der gebürtigen Wienerin Eva Menasse, in welchem die Autorin ein ironisches Porträt der Wiener Gesellschaft im „Wiener Schmäh“ liefert. Zum anderen stand die Frage im Raum, inwieweit ein Übersetzer lässliche Sünden bei der Übersetzung begehen darf, damit der Roman von der Leserschaft des Ziellandes angenommen wird. Eva Menasses Erzählungen wurde unter anderem für den argentinischen Buchmarkt übersetzt, und zwar durch Gabriela Adamao. Moderiert von Silke Kleemann fand die Lesung und das Gespräch von und mit Eva Menasse und Gabriela Adamao statt.

Silke Kleeman fragte Gabriela Adamao, warum man sich ihrer Meinung nach in Argentinien für die Übersetzung von „Lässlichen Todsünden“ von Eva Menasse entschieden habe. Dies habe, so Frau Adamao, natürlich mit dem Inhalt des Buches zu tun. Außerdem würden der Katholizismus, die Psychoanalyse und auch die Café-Kultur zusätzliche Berührungspunkte zwischen dem Handlungsort Österreich und Argentinien schaffen, was der argentinischen Leserschaft den Zugang zu „Lässliche Todsünden“ erleichtere. Die Übersetzer in Argentinien würden im übrigen eine große Rolle in Bezug auf die Auswahl eines zu übersetzenden Werkes spielen. Häufig erlesen sie die ausländischen Titel, schlagen diese den argentinischen Herausgebern vor und führen Verhandlungen mit den ausländischen Verlagshäusern.

Dem Publikum wurde ein Gefühl für die Texte in deutscher und spanischer Sprache vermittelt, indem Frau Menasse und Frau Adamao abwechselnd die gleichen Passagen aus dem Band vorlasen. Frau Kleemann, die selbst Übersetzungen aus dem Spanischen vornimmt (z. B. „Ein Chinese auf dem Fahrrad“ von Ariel Magnus), fragte ihre Kollegin Adamao, in welches Spanisch sie übersetze. Die Frage beruhte auf der Tatsache, dass es viele Abweichungen zwischen dem kontinentalspanischen und dem lateinamerikanischen Wortschatz gibt und sogar auch innerhalb der spanischsprachigen Länder Lateinamerikas. Frau Adamao erklärte, dass sie sich bemühe, in ein so weit wie möglich „neutrales“ Spanisch zu übersetzen, damit das von ihr übersetzte Buch auf dem gesamten spanischsprachigen Markt verstanden würde. Im Gespräch ergab sich auch, dass keine 1:1 Übersetzung des wienerischen Textes der Autorin möglich sei. Manchmal gäbe es – wie bei „psychologisieren“ –  keine spanischen Wortentsprechung, teilweise sei die Ausgangsvokabel – z. B. Gelsentippel (Mückenstich) – zu stark mit dem Ursprungsland verbunden. Hier sei der Übersetzer gefordert, um den Geist und die Atmosphäre des jeweiligen Originaltextes einzufangen und in die Zielsprache zu transportieren. Eva Manesse erklärte, dass auch ihr als Autorin die stimmige Übersetzung des Inhaltes wichtiger sei als eine wortgetreue und der Übersetzer entsprechend frei mit dem Text umgehen könne.