Mehr Hardcore im Jugendbuch?

Am Donnerstag lud das Börsenblatt Jutta Bummel (Buchhändlerin), Ilona Einwohlt (Autorin), Klaus Willberg (Thienemann Verlag) und die zwei 14-jährigen Schüler Nikolai Albrecht und Darius Pfannkuch zum Gespräch ein. Im Café des Börsenblattes in Halle 4.0 der Messe tauschten sich die Gäste unter der Leitung von Stefan Hauck vom Börsenblatt darüber aus, ob die Jugendbuchautoren und auch die Verlage heute „alle Tabus“ brechen und Jugendliche zu früh mit allen Aspekten von Gewalt und Sexualität in Kontakt bringen würden.

Die Sprache in den Jugendbüchern sei heute in der Tat direkter und expliziter als noch vor Jahren, führte Frau Bummel aus, was dazu führen könne, dass sie als Buchhändlerin einen Roman nicht aktiv empfehle oder die Eltern auf einen eventuellen Gesprächsbedarf hinweise. Zum Beispiel sei „Überleben“ von S. A. Bodeen zwar spannend und gut geschrieben, allerdings aus ihrer Sicht auch brutal. Dies bestätigte auch einer der beiden Schüler, der das fragliche Buch gelesen hatte: Hart sei es gewesen, brutal und spannend. Frau Einwohlt und auch der Herr Willberg führten an, dass man die Jugendlichen nur dort abhole, „wo sie sich bereits befänden“. Aus Lektorensicht, so Herr Willberg, sei auch in der Jugendliteratur – natürlich altersspezifisch – alles erlaubt, solange nicht gegen geltendes Recht verstoßen oder pornografische bzw. fremdenfeindliche Szenen enthalten sind. Auch der jugendliche Leser wolle selbst über seine Lektüre entscheiden.

Es wurde klar, dass Jugendliche heute – vorausgesetzt, der Zugang ist nicht eingeschränkt – im Internet zu jedem Thema Informationen finden können. Heute hätten sie so nicht nur eine einfachere Möglichkeit, Wissen zu erwerben, sondern seien auch emotional früher erwachsen. Und teilweise überhole die Wirklichkeit die Fiktion, wie man an dem Buch von Bodeen sehen könne. Der Verlag habe das Buch bereits eingekauft, aber noch nicht veröffentlicht gehabt, als das Familiendrama um Josef Fritzl in Österreich bekannt wurde.

Das Gespräch kam auch auf die von Frau Einwohlt veröffentlichte Anthologie „Liebe, Lust, Sex“. Hier seien nicht pornografische, sondern erotische Geschichten von namhaften deutschen Jugendbuchautoren für Jugendliche versammelt, in denen es um die erste Liebe, den ersten Sex ginge. Der Moderator wandte sich hier erneut direkt an die Schüler. Einer der Jugendlichen hatte bereits Gelegenheit, in das Buch hineinzuschauen und meinte, er hätte nach der ersten Geschichte aufgehört und die Anthologie weggelegt, ihm seien die Szenen zu genau beschrieben. Beide Schüler betonten aber auch, dass sie selbst entscheiden wollten, was sie lesen, ob sie ein Buch beenden oder mehr vom Autor konsumieren. Es sei aber auch so, dass sie – solange es spannend ist – ein Buch auch bis zum Schluss lesen und nicht wegen der Gewalt weglegen würden. Hier fielen Sätze wie: „Ich denke schon, dass ich das vertragen kann“ oder „… damit man ein Gefühl für Gewalt entwickelt“. Genremäßig würde man alles lesen, Jugendbücher, Fantasy, Thriller, solange es nicht langweilig sei. Dies bestätigte auch die Buchhändlerin und ergänzte, dass Jugendliche selten länger als 30 Seiten warten würden, bis die Geschichte losginge. Jugendbücher müssten möglichst bereits auf den ersten 20, 30 Seiten einen Sog entwickeln.

Natürlich kam auch die Frage Altersempfehlung zur Sprache. Hier gäbe es starke Unsicherheiten bei der Kundschaft, führte Frau  Bummel aus, da kaum noch Altersempfehlungen auf den Covers oder im Buch zu finden seien. Kämen zum Beispiel Eltern oder Tanten in die Buchhandlung, um ein Buch für das Kind oder den Jugendlichen zu kaufen, bestünde erheblicher Beratungsbedarf. Häufig sei für diese Kunden nicht mehr erkennbar, und zwar auch nicht aus der Inhaltsangabe, ob das Buch geeignet ist oder nicht. Etwas anders sähe es aus, wenn der jugendliche Kunde selbst kaufe. Es käme durchaus vor, dass letzterer einen Titel für 12-jährige kaufen und lesen würde, ohne sich für diese (nicht erkennbare) Alterseinstufung zu schämen, allerdings ohne Altersempfehlung sei auch keine Orientierung in die andere Richtung möglich. Unumwunden gaben in diesem Zusammenhang die beiden 14-jährigen Schüler zu, dass sie ein Buch mit der Altersempfehlung „ab 16“ stark reizen würde, weil damit etwas Verbotenes verbunden sei.