Die Übersetzung in der Literaturkritik

Der Verein Weltlesebühne e.V. hat sich im Jahre 2009 gegründet und ist ein Zusammenschluss von Literaturübersetzern aus Berlin, Frankfurt, Freiburg, Hamburg, Köln und Zürich. Ziel der Vereinigung ist es, das Bewusstsein des Publikums insgesamt (und nicht nur der Leserschaft) für die Übersetzer, deren Arbeit und deren Rechte zu schärfen. Der Weltlesebühne e.v. war Veranstalter des von Olga Radetzkaja (Übersetzerin) moderierten Gespräches zum Thema „Übersetzungen in der Literaturkritik“, an dem Dorothea Dieckmann (Autorin, Literaturkritikerin), Annette Kopetzki (Übersetzerin) und Jürgen Dormagen (Lektor, Suhrkamp Verlag) teilnahmen. Letzterer hatte gerade zuvor auf der Messe vom Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ) die Übersetzerbarke erhalten in Anerkennung unter anderem seines Engagement ins Richtung respektvoller Umgang mit den Übersetzern, Vertragsgestaltung, Umgang mit den Fragen des Berufstandes.

Thematisch ging es in dem Gespräch darum, dass in der Literaturkritik eine vorliegende Übersetzung, wenn sie denn überhaupt Erwähnung findet, nur aus dem Bauch heraus mit kaum aussagekräftigen Adjektiven und Adverbien abgehandelt wird. Die Übersetzer klagen darüber, dass ihr Werk (die Übersetzung) und ihre Rechte als Kreative und Urheber ihrer Texte missachtet werden. Andererseits ist es für den Rezensenten schwierig, auf die Übersetzung als eigenständigen Bereich einzugehen, weil sie zum Beispiel die Originalsprache nicht kennen und auch Kriterien fehlen, wie eine Beurteilung erfolgen soll.

Herr Dormagen sprach freimütig an, dass er als Leser von Literaturkritiken eher pragmatisch vorgehe und sein Blick in einer Rezension nicht unbedingt dahin gehe, ob die Übersetzung Erwähnung findet. Nach seiner Auffassung habe eine solch differenzierte Literaturkritik in der Tagespresse und den Feuilletons auch keinen Platz. Frau Dieckmann führte aus, dass ihr als Rezensentin heute auch deutlich weniger Raum für die Kritik zur Verfügung stünde als vorher. Aus ihrer Sicht – und sie arbeite inzwischen auch als Übersetzerin – würde hier zwar eine wichtige und in die Öffentlichkeit zu bringende Debatte geführt, die jedoch eher Luxusdiskussion sei. Energisch merkte Frau Kopetzki an, dass die Übersetzung als eigenständiges Werk zu würdigen sei und die „Strategie der Übersetzung“ in die Literaturkritik aufzunehmen ist. Die ersten Schritte, die leider häufig nicht einmal unternommen würden, bestünden darin, den Übersetzer aufzuführen und aufzuzeigen, dass das besprochene Werk die Übersetzung sei. Es seien Kriterien zu entwickeln, nach denen eine Übersetzung zu bewerten sei. Insofern wies Frau Dieckmann aber auch darauf hin, dass die Übersetzer einerseits diese Bewertung verlangen würden, den Rezensenten auf der anderen Seite aber Hybris vorwerfen würden, wenn sie sich den Originaltext ziehen und anhand von Beispielen die Übersetzung bewerten: Dann nämlich würde seitens des Übersetzers angeführt, der Rezensent habe selten genaue Kenntnis von der Originalsprache, deren Feinheiten und er könne anhand von Textpassagen nicht das Gesamtwerk beurteilen.

Herr Dormagen warf ein, dass selbstverständlich die Arbeit des Übersetzers anzuerkennen ist, jedoch ginge es letztlich um den Text des Originals. Der Leser soll eines übersetzten Werkes soll einen entsprechenden Eindruck vom Werk erhalten wie der Leser des Originals. Insofern sei für seine Entscheidungen als Auftragsvergeber und Lektor das Sprachgefühl, also die Beherrschung der Feinheiten der Sprache, Syntax, Satzbau, Melodie, des Übersetzers wichtig. Man könne, so Herr Dormagen, den Übersetzer als Interpreten des Originals ansehen: Kennt das Publikum das Original, ist es an einer neuen Interpretation im Vergleich zu den früheren interessiert. Ist es ein neuer „Song“, werde regelmäßig das Gesamtbild wahrgenommen; an dieser Stelle sei es kaum realisierbar, Platz für eine Übersetzungskritik im Alltag zu finden. Kurz zuvor war im Gespräch thematisiert worden, dass jeder Übersetzer eine eigene Stimme habe und ein – natürlich werkabhängiger – Wiedererkennenswert wünschenswert sei.  Frau Kopetzki nutzte die Gelegenheit, um Interessierte auf die Rezensionszeitschrift zur Literaturübersetzung hinzuweisen, die unter www.relue-online.de zu finden ist.

Die Gesprächsrunde und auch das Publikum stimmten überein, dass der Blick auf den Übersetzer und seine Rechte zu schärfen ist, dass in der derzeitigen plotorientierten Literaturkritik jedoch kaum Platz für eine begründete Würdigung und Bewertung der Arbeit des Übersetzers sei. Im Grunde müsse die Literaturkritik dahin gehen, dass in ihr eine intensivere Auseinandersetzung sowohl mit der Form des Werkes als auch dessen Sprache erfolgen. So könne zugleich – ohne Rückgriff auf den Originaltext – eine Beschäftigung mit der Leistung des Übersetzers möglich.