Sagenhafte Morde – Mythen und Realien des Islandkrimis

Im Rahmen der Programmreihe „Krimi am Mittag“ wurde am Mittwoch auf der Weltempfang-Bühne der Frankfurter Buchmesse über die Mythen und Realien des Islandkrimis diskutiert. Unter der Moderation des Journalisten Thomas Wörtche sprachen Yrsa Sigurđardóttir (isländische Krimiautorin und Ingenieurin), Kristof Magnusson (Autor und Übersetzer aus dem Isländischen) und Kristján B. Jónasson (isländischer Verleger) über die Hintergründe und den überraschenden Erfolg des isländischen Krimis.

Während 1995 die isländischen Verleger noch der Meinung waren, dass einheimische Krimis keinen Markt fänden, da ihr Land zu friedlich ist, um einen Hintergrund für eine realistische Geschichte zu bieten, wurden 1998 die ersten vier Romane veröffentlicht, die dem heutigen Bild des „typischen“ Islandkrimis entsprachen. Im Gegensatz zu früheren Kriminalromanen, die in Island spielten, wurde dem Leser hier keine Geschichte präsentiert, in der zum Beispiel ein ausländischer Agent eine Schießerei im amerikanischen Stil in Reykjavik auslöste, sondern es entstanden leisere Geschichten, die ihren Schwerpunkt auf realistische Szenarien setzten. Dabei lässt sich eine Verbindung zwischen den Grundthemen der isländischen Sagas und denen der modernen isländischen Krimis herstellen, in denen eher alltägliche Dinge den Anstoß zum Verbrechen geben.

Der nationale und internationale Erfolg dieser Islandkrimis führte dann dazu, dass weitere Autoren sich dieses Genres in ähnlicher Weise annahmen und so das Bild vom typischen isländischen Kriminalroman prägten. Aber natürlich lässt sich dies nicht über jeden isländischen Krimiautor sagen. Die Autorin Yrsa Sigurđardóttir zum Beispiel verspürte das Bedürfnis, einmal etwas ganz anderes als humorvolle Kinderbücher zu schreiben. Interessant war auch ihre Anmerkung, dass sie sich als isländische Autorin ihrer (heimischen) Leserschaft sehr bewusst ist und deshalb auch immer darauf achtet, dass sie ihre Geschichten unmissverständlich aufbaut. So transportiert sie ihre Handlung im Bedarfsfall auch nach Grönland, um zu verhindern, dass man ihren Roman als Anspielung auf ein Ingenieursprojekt versteht, an dem sie beteiligt ist.

Isländische Kriminalromane lösen vor allem aufgrund von zwei Aspekten Begeisterung aus: Einmal bestechen die Geschichten durch ihren scheinbaren Realismus und zum anderen durch ihren minimalistischen Erzählstil. Die Handlungen wirken glaubwürdig und der isländischen Gesellschaft entsprechend, obwohl auch in diesem Land der Großteil der (wenigen) Morde eher im engeren Umfeld passiert und keinen Stoff für einen Roman bieten würde.

Während im restlichen Europa der Islandkrimi gern mit dem skandinavischen Krimis verglichen wird, hat in Island die Popularität der heimischen Kriminalromane zu einem vermehrten Interesse an skandinavischen Autoren aus diesem Genre geführt. Dabei wird auch in Island – wie in den meisten anderen Ländern – der Krimi von den Kritikern noch immer nicht als vollwertige Literatur angesehen, obwohl diese Bücher bei den Lesern ein hohes Ansehen genießen.